Die Straßenfotografieproblematik

Als ich kürzlich Vietnam bereiste, hatte ich eine Kamera und mehrere Objektive dabei. Eines hätte zwar gereicht, aber im Prinzip habe ich zwei Arten von Photos gemacht. Die einen sind weitwinklige Bilder von Landschaften. Reisterrassen, Dschungel, Berg und Tal.
Die anderen aber sind das, was man gemeinhin Straßenfotografie nennt. Bilder von Menschen in alltäglichen oder nicht-so-alltäglichen Situationen. Schüchtern winkende Kinder,
Schulkinder
ein Mensch ohne Hand, der bei einer Hochzeitsfeier Gitarre spielt,
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Bewohner von Ho Chi Minh City, wie sie ihr alltägliches Bier trinken.
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Als ich zurück kam, stellte ich diese Bilder auf Flickr. Warum auch nicht, dachte ich mir. Ich bin zwar kein Profi und mein Equipment könnte besser sein, aber der ein oder andere gute Schuss ist mir gelungen. Mir kamen aber ein paar Zweifel. Was ist eigentlich mit den Rechten der Menschen, die ich da geknipst habe? Wollen die das? Finden die Eltern der Schuljungen es in Ordnung, dass ich ihre Kinder auf einer Hängebrücke abgelichtet habe? 
Nun, Vietnam ist ca 9000 Kilometer weit weg. Die Menschen dort sprechen eine für mich völlig unverständliche Sprache. Einige Bilder sind im Vorbeigehen entstanden. Unmöglich, diese Menschen zu fragen, ob sie mir erlauben, das Bild zu verwenden. Und selbst wenn, wo kein Kläger da keine Richterin und “Recht am eigenen Bild” als Deutsches Rechtskonstrukt ist vermutlich für eine Bauernfamilie im Vietnamesischen Hochland ähnlich unbegreiflich, wie dass manche Menschen hier Hartweizennudeln mit Ketchup essen und Hühnerfüße nicht als Nahrungsmittel betrachten. 
Die moralische Frage bleibt aber. Wann ist es in Ordnung, reflektierte Lichtstrahlen von einem CCD oder einem Farbfilm aufnehmen zu lassen? Nun haben berühmte Menschen damit eine ganze Kunstgattung geschaffen. Henri Cartier-Bresson. Vivian Maier. Street Photography hat noch nie nachgefragt, ja sie kann es meist gar nicht. Unbeteiligte Beobachtung, die bestimmte Bilder erst möglich macht. Menschen im vorbeigehen, die im nächsten Moment schon um die Ecke verschwunden sind. 
Nun hat mein Gedankenspiel kürzlich einen echt realen Hintergrund bekommen. Der Ostkreuz-Fotograf Espen Eichhöfer wurde von einer Frau verklagt, die durch eine veröffentlichte Fotografie ihr Recht am Eigenen Bild verletzt sah. Eine Unterlassungserklärung reichte ihr nicht, Schadensersatz steht im Raum. Eichhöfer sieht nicht nur seine Arbeit sondern eine ganze Kunstgattung gefährdet. Er sammelt Geld und möchte zur Not durch alle Instanzen gehen. 
Nun kann man es sich einfach machen. Man kann sagen “Recht am eigenen Bild kann nicht vor Kunst halt machen”. Man kann argumentieren, dass die Freiheit der Kunst nicht durch Rechte eingeschränkt werden darf, deren Intention ein ganz anderes war.
Aber wo sind die Grenzen? Darf nur noch ein Espen Eichhöfer mit gewichtiger Fotografieagentur und renommiertem Galeriehintergrund durch die Straßen ziehen? Darf ich das auch noch? Wie gut oder schlecht muss ich sein? Was unterscheidet genau, ob ich ein Foto eines Menschen mache, weil das Lächeln zum Zeitgeist passt davon, dass ich es als Stalker tue? Kann die Aufnahme eines öffentlichen Platzes durch eine CCTV-Kamera nicht auch Kunst sein? Was passiert, wenn große Kunst für den Schaden einzelner sorgt? Etwa weil das abgelichtete Liebespaar in Wahrheit die Regeln monogamer Treue verletzt oder weil der Rosenverkäufer auf dem Markt eigentlich keine Arbeitserlaubnis besitzt? Wer zeigt sich verantwortlich? Muss es Verantwortung geben? Oder müssen wir als Gesellschaft akzeptieren, dass man im Namen der Kunst kein Omelette machen kann, ohne ein paar Eier zu zerdeppern? 
Wollen wir auf der anderen Seite verlangen, dass jede Fotografin vor oder nach der Aufnahme mit einem vierseitigen Wahrnehmungsvertrag angerannt kommt, vermutlich mit dem Effekt dass nur noch eines von Zehn Fotos tatsächlich legal ist? Wollen wir, dass nur noch jene Leute Bilder veröffentlichen dürfen, die davon ausreichend komfortabel leben können, dass ein paar Tausend Euro Schadensersatz dann doch nicht so schlimm sind? 
Wer argumentiert, es gebe dann kein Bildgedächtnis mehr aus unserer Zeit, der verkennt dass es millionen von Smartphones gibt und natürlich permanent alles und alle aufgenommen werden. Instagram ist voll von Straßenfotografie, die mal mehr und mal weniger von Belang ist. Schließt ein “Verbot” also in Wahrheit die große Kunst aus und lässt die Beliebigkeit so lange gewähren, bis doch etwas passiert? Und sorgt eine Konfrontation den fotografierten mit der Frage “Möchtest du auf diesem Bild im Internet erscheinen” nicht erst für einen Prozess der Ablehnung, wo ein mögliches “Hey, ich habe ein Bild von dir im Netz gesehen” vermutlich zu Gleichgültigkeit geführt hätte?
Nein, einfach ist das nicht. Und eine Antwort habe ich ebenfalls nicht parat. Salomon, übernehmen Sie!

 

Datenhaltungsschmerzen

Im Dezember letzten Jahres stand ich plötzlich vor einem größeren Problem: Die Festplatte, auf der ich die Fotos meiner Reisen nach Vietnam und Kanada gespeichert hatte, ließ sich nicht mehr mounten. Da waren auch noch andere Daten drauf, inklusive Backups, aber das war nicht so tragisch wie diese Fotos. Inzwischen stellte sich heraus: Geht schon, aber schreibbar ist das ding nicht mehr. Und so kam ich dazu, mal grundsätzlich mein Datenhaltungsproblem zu überdenken.

Bislang ist es so:

  • Ich habe einen Mac mit 256GB-SSD. Also zu klein, um alles direkt verfügbar zu halten.
  • Alles, was wichtig und “klein” ist, wird zu Dropbox gespiegelt. Texte, Spreadsheets, Rechnungen.
  • Filme, Musik und co werden auf eine externe Festplatte geschoben. Musik ist zusätzlich auf dem Rechner verfügbar, damit ich unterwegs keinen Stress habe.
  • Meine Fotos rangieren in der Größenordnung von 300GB, passen also nicht auf die SSD.
  • Time Machine-Backup geht ebenfalls auf eine externe Platte.

Nun bin ich viel unterwegs und möchte grundsätzlich auch dort gewisse Daten verfügbar haben. Besonders möchte ich in der Lage sein, unterwegs Bilder zu bearbeiten. Andererseits möchte ich nicht jedes Mal nach dem Heimkommen unendlich viel Zeit damit verbringen, Photo Libraries zu mergen.

Ein RAID zu bauen, mit zwei externen 2.5″-Platten klingt zwar verlockend, aber dann schleppe ich einen relativ großen Klotz mit mir herum, jedes Mal wenn ich unterwegs bin. (zumal ich dann auch noch einen USB-Hub mit aktiver Stromversorgung brauche, was enorm unpraktikabel ist)

Eine NAS-Lösung für den Hausgebrauch kommt zwar für Filme und Musik in Frage, nicht aber für Daten, mit denen ich arbeiten will, also die Fotos. Denn wenn ich die jedes Mal über’s Netzwerk lade, wird meine Bearbeitungssoftware unerträglich langsam.

Ich könnte mir natürlich eine Sync-Lösung bauen, die einfach meine “Hauptplatte” regelmäßig mit einer weiteren Backup-Platte abgleicht, aber das kommt mir doch sehr unsauber vor. Ausserdem vergesse ich das dann wieder, solange es nicht super-automatisch läuft.

Ergo: Bislang bin ich ein bisschen ratlos, was die optimale Lösung angeht. Vielleicht hat ja jemand von euch LeserInnen noch ein paar Ideen, wie ich das angehen kann?

 

Über Humor

Als Hobby “Humor” anzugeben wäre so ungefähr das deutscheste, was ich als Halbengländer machen könnte. Als jemand, der schon zu Blackadder gelacht hat, bevor er es verstehen konnte (Wir lachten immer dann, wenn der Vater es auch tat), beschäftigt mich aber das ganze Thema schon eine sehr lange Zeit. “Die Deutschen haben keinen Sinn für Humor”, heißt es. Mein Vater fügt dann immer “Außer Loriot” an. Henning Wehn, ein Komiker, der als Deutscher fast ausschließlich in England bekannt ist, sagt dazu “I don’t find that funny”. Warum wir lachen, was witzig ist und was nicht, worüber man überhaupt Späße machen darf, all das ist eine Debatte, die teilweise skurrile Züge annimmt.
Während man sich in England alles andere als schämen muss für ein gutes Wortspiel (Ich bin der Meinung der britische Staatshaushalt durch Einführen einer Wortspielkasse binnen Wochen saniert werden könnte), wird dies in Deutschland stets mit “Der ist aber schlecht” kommentiert. Dabei lachen die Leute trotzdem. Ob ihnen die Klugheit des Witzes dann peinlich ist? Ob es einfach nicht hinterfragt wird, warum man diese Scherzform als “schlecht” ansieht? Ich wüsste es gerne.
“Das ist aber makaber” / “Was für ein dunkler Humor” sagen sie gerne über Scherze aus dem Inselreich. Als mache ein Witz oder das Lachen über die Unangenehmen Seiten des Lebens in irgend einer Form schlechtere Menschen. Ich könnte stundenlang weiter ausführen, was für einen seltsamen Stellenwert der Humor hierzulande hat. Dass es einen Rahmen braucht, Witze angekündigt werden, sich per “es darf geschmunzelt werden” für jede Regung der Mundwinkel vorab entschuldigt wird, und so weiter.

Gerade in diesen Tagen ist einer der am falschesten zitierten Menschen Kurt Tucholsky. “Satire darf alles”, sagte dieser einmal und meinte damit, dass man sich sehr wohl über die oberen der Gesellschaft lustig machen dürfe, ja müsse. Er sagte das in einer Zeit, in der die Presse eben keine uneingeschränkte Freiheit genoss. Weit weniger bekannt ist sein Zitat “Satiren, die der Zensor versteht, werden mit Recht verboten”. Oder anders: Humor darf alles, ausser faul sein.
Es wäre sicher eine unverschämte Generalisierung dem deutschen Humor vorzuwerfen er sei genau dies. Aber so ein bisschen kann man das nicht abstreiten. Millionen Menschen gucken sich Mario Barth an, das Privatfernsehen hat der deutschen Comedy ihren ersten Boom mit banalen Eincharakterdarsteller/Innen beschert (Der Polizist, der Bundeswehrausbilder, die Unterschichtentante aus der Vorstadt) und als Altmeister gilt ein Mensch, der eine Flasche Pomm-Fritt forderte. Man kann sich sicherlich streiten, aber da ist Potenzial nach oben.
Ja aber! Würde man einwerfen. Loriot! Badesalz! Mittermei… Nein, geht mir weg mit Mittermeier. Ernsthaft. Aber ich erkenne an, dass es da jene gibt, die sich eben nicht zu faul sind und auf die will ich nachher noch kommen. Bleiben wir erstmal beim Fernsehen. Die Heute Show? Ein langweiliger Abklatsch der Amerikanischen Formate aber auch des englischen Ten O’Clock News. Gernot Hassknecht? Eine grausige Kopie von Charlie Brooker.

Kabarett aus der Anstalt? Wie gefällig, so ein bisschen auf den Oberen herum zu hacken, aber immer in einem gewissen Maße, so dass Gymnasiallehrer sich zurück lehnen und bei einem Lambrusco applaudieren können. Es reicht, dass Humor Fragen stellt. Er muss nicht Antworten liefern. Ja, damit meine ich Pispers, Rether, Schramm und all die anderen die ihre Bühne mit einem Parteitagsrednerpult verwechseln.

Humor hat natürlich in erster Linie genau einen Auftrag und das ist, uns zum lachen zu bringen. Bei Kabarett und Satire kommt der Nachdenkfaktor, das provokante hinzu. Gut soweit. Aber all das entbindet nicht davon, fleißig sein zu müssen. Es ist das zweiteinfachste der Welt, sich über die Schwachen lustig zu machen. Das Einfachste ist übrigens, wie Stewart Lee anmerkt, ein Furz. Er ist die reinste und verständlichste, ja völkerverbindendste Form des Witzes. Am Beispiel einer Luftblase, die nach Scheiße riecht, aus einem Arsch kommt und dabei Geräusche macht, kann man meinen Punkt recht gut erklären. Er ist der kleinste gemeinsame Nenner, wenn es um körperliche Unzulänglichkeiten geht. Jeder Mensch hat schon einmal gefurzt, auch unabsichtlich, kann es nachvollziehen. Spätestens in der Grundschule lernen wir, spontan Furzgeräusche nachzuahmen. Wieviel schwerer ist es, einen guten Witz über eine Chemische Imbalance in der Amygdala zu machen und darüber zu lachen!
So ähnlich ist es mit Klischees. Je gemeinsamer der Nenner in der Beobachtung, desto langweiliger. Es ist oft nicht der latente Rassismus, Sexismus oder anderweitige Unmenschlichkeit die mich an vielen Witzen stört, es ist die schreckliche Banalität. In dem man nach unten tritt, zieht man sich auf ein billiges “Ich bin besser als du”, ein “ich setze mich über dich” zurück. Das zurückgreifen auf die offensichtlichen Klischees ist nichts weiteres als Faulheit. Das heisst nicht, dass es keinen negativen –ismus ausserhalb von Banalitäten gibt, mit Sicherheit ist eine völlig subtile Beleidigung einer Bevölkerungsgruppe genauso inakzeptabel. Aber es ist ein Unterschied, ob ein “Komiker” sich explizit -istisch äußert oder die Beleidigung aufgrund reiner Faulheit unternimmt. Das ist das, was ich Mario Barth unterstelle. Er hat es zu seiner “Kunstform” gemacht, nicht die außergewöhnlichen Beobachtungen des Alltags zuzuspitzen und zu übertreiben sondern die offensichtlichen. Und Offensichtlichkeit in Kombination mit einfacher Übertreibung, das ist ein µ weit entfernt vom Karnevalswitz mit der Hausfrau, dem betrunkenen Ehemann und dem Nudelholz.

Die großen Humoristen haben genau das immer vermieden. Loriot war genau deshalb so grandios, weil er im Alltag das Absurde entdeckt und auf die Spitze getrieben hat. Und dabei hat er die Mehrheitsgesellschaftlichen Konventionen in Frage gestellt. Er hat sich also gegen “die Mächtigen” gewandt, oft ohne, dass jene es eben gemerkt haben. Wir erinnern uns an das Zitat von Herrn Tucholsky. Man kann sich über gesellschaftliche Mißstände lustig machen, in dem man ein Vorstadtghetto karikiert. Man kann es aber auch tun, wie es einst Monty Python taten, und vier Reiche Männer in Sessel setzen, die ihre früheren ärmlichen Verhältnisse bis ins völlig bizarre romantisieren.

Oder nehmen wir den erfolgreichsten deutschen Humoristen aller Zeiten, der mit ganzen Filmen über die ach so scharfsinnige Beobachtung, dass sich manche Menschen gar nicht ihrer Geschlechterrolle gerecht verhalten (Traumschiff Surprise) Millionen in die Kinos lockte. Und stellen wir ihm Steve Hughes entgegen, der das “wie, das sind keine echten Männer?” mit einem “They Fuck men!” entlarvte. Es ist gar nicht so schwer, in der gleichen Beobachtung zwei völlig Konträre Dinge zu sehen, wenn man sich ein wenig Mühe gibt.

Das heisst übrigens auch, dass man sich über die Auswüchse von Religionen, ins Besondere von Extremismus lustig machen darf, ja sogar muss. Ob in Form von Monty Python beim Leben des Brian oder der Szene mit der am fließband Kinder produzierenden irischen Familie in “Der Sinn des Lebens”. (Eine Szene, die mein Vater, der in genau solchen Umständen aufgewachsen ist, übrigens zum schreien findet). Aber auch hier gilt: Hier werden Machtverhältnisse durchbrochen. Das macht es lustig.

Nun bin ich keine Zwerchfellpolizei und worüber ein Mensch lacht, das obliegt nicht mir festzulegen. Humor darf auch kein Bildungsprivileg sein. Aber selbst bei der einfachsten Humorform, dem völlig vorbildungsfrei konsumierbaren Slapstick gibt es eben genau jenen Unterschied zwischen “Scharf beobachtet und den Witz zwischen den Zeilen gesehen” (zum Beispiel die Abrahams & Zucker-Filme, etwa Die Nackte Kanone) und der Bananenschale und seinen modernen Äquivalenten: seelenlosen Blockbuster-“Persiflagen” die ihr einziges Kapital aus stumpfer Brachialität ziehen. Und ob weitere Opfer oder nicht, zumindest wird eines damit permanent beleidigt: Unser Gehirn.

Musik 2014

2014 war ein gutes Jahr für Musik. Vor allem habe ich mich dieses Jahr so viel damit beschäftigt wie noch nie. An die 80 Alben fand ich toll, manche sogar grandios, mein Mix (folgt vielleicht die Tage auch als Spotify-Link hier, ansonsten geht die Playlist nur an ausgewählte FreundInnen) hatte in seiner ersten Inkarnation fast 60 Tracks und überhaupt, was für eine Vielfalt!

Hier folgt eine Liste von Alben, die ich gut fand. Ohne Sortierung, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Es gab noch einiges mehr, das ich ausgelassen habe, auch manches, das vielleicht besser war, als das hier. Aber so ist das eben. Ausserdem ist alles Stimmungsabhängig.

 

Ariel Pink – Pom Pom
Hach, was habe ich mich gefreut. Ob Ariel Pink mit Haunted-Graffiti-Band oder ohne, da ist einfach ziemlich alles perfekt. Die Songs so vielfältig, wie nirgendwo, die Texte verrückt und albern und voller unverständlicher Referenzen und einer latenten sexualität die in ihrer Queerness und Bizarrheit nur so schillert. Jeder einzelne Song so anders, dass es kaum möglich ist, den einen, besten, für einen Jahresmix herauszupicken und selbst wenn, fehlt da immer noch ein Großteil des Albums. Wundervoll!

Update: Weniger habe ich mich übrigens über misogyne Scheiss-Äußerungen von Herrn Pink gefreut. Davon habe ich nach dem schreiben des Textes erst gehört und das macht das alles weniger cool. Die Musik ist allerdings dennoch toll.
(Leider kein Youtube-Link wegen GEMA)
Swans – To Be Kind
Swans können gar nicht schlecht sein oder so. Auf jeden Fall ist auch ihr neues Album toll, ganz im Gegensatz zu diesem Text.

Hauschka – Abandoned City
Und da lag ich im Krankenhaus nach einer Mandel-OP, blickte hinaus auf den zur Nacht hell erleuchteten Abend und verschwendete meine letzten wenigen Megabyte Datenvolumen, um irgendwie an das neue Hauschka-Album heranzukommen. Abandoned Cities ist aber auch wunderschön. “Endlich” wieder ein Album von ihm ganz alleine, nicht dass die Kollaboration mit Hilary Hahn irgendwie schlecht gewesen wäre. Aber die Improvisationen mit präpariertem Klavier ziehen einen schon ganz besonders in die Städte, die das Album zum Thema haben. Pripyat zum Beispiel. Tschernobyl-Geisterstadt und im gleichnamigen Stück so Kopfkino-präsent wie sie nur sein könnte.

Fatima Al Qadiri – Asiatisch
Hipster-Alarm Teil 1: Fatima Al Qadiri kannte ich schon bevor alle sie super fanden und “Asiatisch” unter anderem Spex-Album des Jahres geworden ist. Aber davon will ich mir nix kaufen. Nach einer tollen “Arabischer Kapitalismus”-inspirierten EP nun eben China-Futurismus. Sino-Dubstep nannte das irgendwer. Ich nenne es “tolle elektronische Musik, die einen im Kopf so ein bisschen durch asiatische Hochhausschluchten und Neonlichtdschungel fahren lässt”.

Rustie – Green Language
Ich nenne Rustide jetzt einfach Intelligent Dubstep oder so. Also auf jeden Fall komplexer als vieles andere, aber genauso viel Wums und irgendwie auch Wub-Wub. Bass zumindest. Und coolness. Ich muss ausserdem dauernd an zersplitternde Dinge denken, wenn ich Rustie höre und das mag ich.

Master Mix: Red Hot & Arthur Russell
Arthur Russell huldigen? Immer! Zum Welt-Aids-Tag haben das haufenweise Künstler mit einem Tribut-Album getan, zum Beispiel die Scissor Sisters, Hot Chip oder auch Devendra Banhart. Herausgekommen ist eine Serie von wunderschönen Covers eines der unterschätztesten und herausragendsten Musiker der 80er. Wer mehr wissen will, sollte sich die Doku “Wild Combination” angucken, oder eben das Original hören. Aber auch die Covers sind toll, ganz klar.

tUnE yArDs – Nikki Nack
Ein feministisches Album das tanzbar und intelligent und ein bisschen weird und voller guter Texte ist? Ja Bitte! Eine Live-Show mit UV-Leuchtfarben und lustigen Backgroundsänger/Tänzerinnen das Konventionen und ästhetische Standardvorstellungen bricht? Eine Künstlerin, die sich problemlos zwischen Björk, Beyonce, M.I.A., Nina Simone und Joanna Newsom hin und her bewegt? Eine Sängerin, die einen Stimmungfang hat, der fast schon Mike Patton konkurrenz machen kann? Hell Yeah. Meistgespieltes Album 2014 bei mir. Zweifellos. Und zu recht.

18+ – Trust
Humor! Viel zu sehr unterschätzt in der Musik und ich meine damit nicht so banalitäten wie “lustige Texte” (grauenhaft, ehrlich). Bei 18+ musste ich aber erstmal lachen. Wie wunderschöne Popsongs hier erschaffen, und dann im genau richtigen Moment dekonstruiert werden! Wie die Songs trotzdem funktionieren, aber eben ihre eigene Eingängigkeit verbauen. Mag ich.

Shabazz Palaces – Lese Majesty
“Afro-Futurismus” nennt man das. Schön und gut. Vor allem ist “Lese Majesty” einfach mal eines der besten HipHop-Alben 2014. Und tatsächlich klingt das alles ein bisschen futuristisch. Und interessant. Und flüssig.

Sleaford Mods – Divide and Exit
Meine persönliche Hipster-Katastrophe: Da kenne ich diese Band die sonst wirklich niemand kennt, kaufe das neue Album vermutlich als allererster (0:01 am Releasetag via Bandcamp) und schicke das Video auch noch 2-3 anderen Leuten. Denke mir nichts böses, komme kurz nach Einlass zum Golden Pudel Club wo sie spielen sollen und es ist ausverkauft, weil der Spiegel drüber geschrieben hat. Tja, das war’s mit “kennt keiner”. Ist aber auch egal. Die einen behaupten, die Sleaford Mods klängen wie Punk eben klingen würde, erfände man ihn 2014. Ich behaupte, sie klingen vor allem erstmal wie wenn die Streets nach einem durchzechten Abend aus dem Pub fallen und Streit suchen. Wie dem auch sei: Die Mischung aus Wut und Non-Working-Class-Glorifizierung ist fantastisch.

Young Fathers – Dead
Hipster-Dings Teil 3: Da find ich die Young Fathers total super, schleppe noch alle, die können zum Auftritt beim Reeperbahnfestival in einem echt kleinen Konzertort wo kaum einer die kennt und dann gewinnen die einfach mal nen Monat später den Mercury Prize. Tse! Ein Gluuck ist mir das nicht wichitg und ich kann diesen Alterna-Hiphop von Nigerianischen EinwanderInnen aus Endinburgh immer noch total klasse finden. “Low” ist sogar einer der drei oder vier besten Tracks dieses Jahr!

Mac DeMarco – Salad Days
Manche Musik kann ich ganz toll beschrieben und dann gibt’s sowas wie Mac DeMarco. Ich weiss, dass da in seinem Retro-Rock-Zeug irgendwie tausend Referenzen drin sind, alleine sie fallen mir nicht ein. Ich weiss aber, dass er ein guter Songwriter ist und das reicht auch irgendwie aus. Gutes Album, modern-retro und ein bisschen dreckig und cool.

Warpaint – Warpaint
Kannte ich nicht, waren aber vorher schon bekannt genug um ausverkauft zu sein. Waren auch irgendwie gehyped. Ich mag Warpaint. Sie sind poppig, haben aber genug Tiefgang. Ansonsten gibt es sicherlich auch viel zu schreiben darüber, aber nicht so sehr von mir.

Actress – Ghettoville
Was für eine düstere und hoffnungslose Wucht! Actress macht nach diesem Album wohl Schluss damit, unter diesem Namen elektronische Musik zu publizieren und das ist einerseits schade, aber wirklich ein sensationelles Ende einer Drei-Alben-Karriere. Ja, Actress kann mit Burial mithalten. Ist nur nicht so eingängig und Mainstream-tauglich.

RATKING – So it goes
Auch eines der besten HipHop-Alben des Jahres. Manchmal ein kleines bisschen zu gewollt, aber dann ist das schon alles ok. Und es thematisiert Polizeigewalt und so. Politik! Vor allem aber super Flow und schönes Storytelling und dann auch noch zeitgemäße Beats.

SBTRKT – Wonder Where We Land
Ich mag SBTRKT ja vor allem dann, wenn sie mit Sänger/In daher kommen. Sampha besonders, aber auch die Stücke mit Jessie Ware, Denai Moore oder Ezra Koenig sind prima. Das, was man heute irgendwie auch Dubstep nennt darunter, R&B-Gesang, Vielfalt, Komplexität, Groove.

Neneh Cherry – Blank Project
Kannste ja eigentlich keinem erzählen! Neneh Cherry! Die mit “Seven Seconds” und so! Ja, die hat ein sensationelles Jazzpop-Album gemacht, das mich wirklich nachhaltig umgehauen hat. Diese subtile Wucht, wahnsinn.

St. Vincent – St. Vincent
Ein irre cooles Elektropop-Album, das ich mehrere Monate links liegen habe lassen, bis ich dann im Kanada-Urlaub fast nichts anderes gehört habe.

Angel Olsen – Burn Your Fire for No Witness
“Unfucktheworld” war gleich der erste Megahit dieses Jahr für mich. Dieser coole Stil aus leichtem Americana-Singer-Songwriter-Dings, dieses Songwriting, ja vor allem das Songwriting! Toll. Überhaupt die beste weibliche Singer-Songwriterin dieses Jahr. Leider Live komplett langweilig, aber man kann nicht alles haben.

Sun Kil Moon – Benji
Mark Kozelek ist ja einer der besten Songwriter der Gegenwart und wenn er was eigenes oder unter dem Namen Sun Kil Moon macht, dann ist das automatisch ein Kandidat für “Gehört eh zu meinen Jahreslieblingen”. So auch Benji.

Dean Blunt – Black Metal
Dean Blunt war mal Teil von Hype Williams und macht jetzt seine ganz eigene Popmusik, die sich auf “Black Metal” irgendwie an den Indie-Pop der 80er anlehnt aber eben nicht so ganz und alles ist ein bisschen mysteriös und dekonstruiert und dadurch wundervoll!

Little Dragon – Nabuma Rubberband
Sind die eigentlich bekannt? Anscheinend haben sie die Große Freiheit 36 gefüllt. Ich mag sie auf jeden Fall, die SchwedInnen und ihre Popmusik. Schönes Maß an Energieund nicht-allzu-eingängigkeit, also vor allem Langlebigkeit. Angenehm genug, um nicht zu nerven, kratzig genug, um nicht vorbeizurauschen.

Run The Jewels – RTJ 2
Dank Vietnam-Reise total verpasst, dass das Ding hier das heisseste HipHop-Album des Jahres sein soll. Ist es aber auch fast (zusammen mit Ratking und Shabazz Palaces). Ausserdem ist EL-P mir für immer im Gedächtnis seit er sich “The illest motherfucker since Oedipus” nannte. So kann’s gehen.

Foxygen – …And Star Power
Foxygen sind ein Phänomen. Drei Alben in drei Jahren, das neueste hat 24 Songs. Wo sie sie sich zuerst um die Beatles und dann um die Rolling Stones gekümmert haben, sind jetzt die Doors, Stooges, Pink Floyd und alles andere anfang der 70er dran. Sprich: Foxygen machen Musik, die irgendwie so klingt, als käme sie aus der Zeit, die aber von Songwriting, Aufnahmetechnik, Struktur eben ziemlich 2014 ist. Und das ist ziemlich fantastisch und ich freu mich auch schon drauf, dass es dann demnächst Black Sabbath, Led Zeppelin oder gar die Sex Pistols und The Clash sein könnten, denen Tribut gezollt wird.

Thee Silver Mt. Zion Orchestra – Fuck Off Get Free We Pour Light On Everything
Seit “Horses in the sky” kein so tolles Album mehr von The Silver Mt Zion Orchestra gehört! Diese Mischung aus Folk, Depression und Hoffnung, dieses epische Spielen mit Lagerfeuerstimmung, ohne jemals auch nur annähernd in Pfadfinderkitsch abzudriften. So “Post” wie “Post” nur sein kann.

Fennesz – Bécs
Fennesz ist zwar immer auf der Höhe seines Schaffens, aber bislang fand ich “Endless Summer” einfach unerreicht. Bécs ist aber sowas wie “Endless Summer” Teil 2 und eine grandiose Weiterentwicklung eines sich genauso treuen wie verändernden Stils. So wie die Jahreszeiten immer wieder kehren, jetzt aber allmählich der Klimawandel einsetzt und alles ein bisschen wärmer wird. Nur in Musik gegossen. Und weniger katastrophal.

Aphex Twin – Syro
Jaja “Der Großmeister ist zurück” blabla, nostalgiekram. Interessant ist eigentlich, dass Aphex Twin einfach mal 12 Jahre Pause machen kann und dann kommt er zurück und haut ein Album raus, was total zeitgemäß ist und allen anderen Musikern, die in der letzten Dekade versucht haben, coole Sounds zu basteln, eine neue Referenz vor den Latz knallt. Angeblich war das Album umstritten in Sachen beliebtheit. Versteh ich nicht.

Avey Tare’s Slasher Flicks – Enter the Slasher House
Panda Bear – Panda Bear Meets the Grim Reaper
Avey Tare und Panda Bear sind 2/3 von Animal Collective und wo das letzte Kollektivalbum mich ja ganz schön enttäuscht hat, sind die Solo-Sachen prima. Avey Tare erforscht so seine eigene, hyperaktive und eher weird-folkige Richtung der Frühen AC-Sachen, Panda Bear entwickelt seinen Indie-Pop weiter und beide sind ganz schön prima.

Future Islands – Singles
Ein Samstag morgen im Frühling und plötzlich knallt da dieser Synth-Pop aus der ganzen “Wollte ich mal anhören an neuheiten”-Liste raus und dann höre ich den gesamten Tag eigentlich nur den einen Song und ein paar mal das Album. Ja, Synth-Pop ist wieder da und zwar eigentlich schon seit M83 aber jetzt auch nochmal in einer pureren 80er-Jahre-mäßigeren Version aber eben doch modern genug.

Kishi Bashi – Lighght
Oh wie wundervoll dieses Album ist! Besonders “Bittersweet Genersis for Him AND Her” und besonders in der Live-Version die ich dann irgendwie auf dem KEXP-Youtube-Channel entdeckte, woraufhin ich dahin schmolz und unbedingt zum Konzert gehen wollte, was wiederum mit meiner Reise nach Vietnam kollidierte, weswegen jetzt aber gleich mehrere Menschen die ich mag einen musikalischen Höhepunkt des Jahres damit verbringen, dass der Mensch dieses Lied dort sang. Getragener, fast schon ein bisschen kitschig-schwülstiger Singer-Songwriter-Pop der aber so schön und doch auch ein bisschen filigran und diffizil ist, dass man ihn einfach mögen sollte.

The Soft Pink Truth – Why do the Heathen Rage?
Also wenn ich ein Album dieses Jahr als “Geil” bezeichnen kann dann ja wohl dieses. Der Typ von Matmos hat ein Album gemacht, in dem er Black-Metal-Klassiker elektronisch verfleischwolft hat. Und das klingt auch noch gut und ganz wenig peinlich und so maximal lustig wie es sein darf, um noch gute Musik zu sein aber eben nicht zu lustig, um alles durch den Humor zu dekonstruieren. So super, dass ich es mir auf Vinyl gekauft habe. (Was ich eigentlihc nie tue, ich hab noch nicht mal einen funktionierenden Plattenspieler)

Weitere nennenswerte Alben:
Orlando Julius With The Heliocentrics – Jaiyede Afro
Freddie Gibbs & Madlib – Pinata
Caribou – Our Love
Cooly G – Wait Til Night
Cult of Youth – Final Days
Flying Lotus – You’re Dead!
Todd Terje – It’s Album Time
Andy Stott – Faith in Strangers
Bohren & Der Club of Gore – Piano Nights
Gazelle Twin – Unflesh
East India Youth – Total Strife Forever
Holly Herndon – Chorus
Kasai Allstars – Beware the Flesh
Arca – Xen
Antony And The Johnsons – Turning
Scott Walker & Sunn O))) – Soused
Kindness – Otherness
Zola Jesus – Taiga
Perfume Genius – Too Bright
Laibach – Spectre

Schottlandreferendum

Es gibt Referenden, für die ist es einfach, eine Meinung zu bilden (“Nein zur Seilbahn auf St.Pauli”), es gibt solche, da ist es ein wenig komplexer (“Rückkauf des Stromnetzes”) und dann gibt es Schottland. Ich versuche mich einmal an einigen, viel zu kurz gegriffenen Gedanken.

Ein wahres Feuerwerk der Argumente hüben wie drüben. Das Öl! Die Banken! Die selbstbestimmung! Das Öl! Die Wirtschaft! Die Atom-Flotte! Und dazwischen die subtileren Töne: Es sei eine Entscheidung Arm gegen Reich, sagt man. Eine des linkeren Nordens gegen das Establishment, eine Pro Europa. Es sei eine gegen ein eigentlich funktionierendes System, für einen Weg in die Armut. Und überhaupt ist ja noch gar nichts geklärt, bis auf dass die Queen wohl Queen bleibt. Was ist eigentlich mit der Währung? Und der Staatsbürgerschaft? Grenzkontrollen? Sofortige Aufnahme in die EU? Und was ist mit dem Domino-Effekt, den Schottland auslösen könnte auf Nordirland, Katalonien, Flamen, das Baskenland, Wales, ja Bayern gar? Und ist das alles am Ende nicht eigentlich eine furchtbar nationalistische Sache?
Nun, es geht um Nationalstaaten. Natürlich ist das erstmal eine irgendwie nationalistische Sache. Die einen wollen den Nationalstaat “Vereinigtes Königreich von Großbritannien und Nordirland”, die anderen den Nationalstaat “Schottland”. Und die, die den Nationalstaat “Schottland” wollen, scheinen gar kein Problem damit zu haben mit der Tatsache, dass nationalstaatliche Kompetenzen in Richtung Brüssel abwandern. Es ist ja auch nicht so, als sei diese Entscheidung etwas singulär neues, immerhin ist Jugoslawien vor einigen Jahren auseinander gebrochen und nun bemühen sich die einzelnen Staaten durchaus um eine Aufnahme in die EU. Wichtig ist also erstmal, dass daraus nicht noch mehr Kleinstaaterei entsteht. (Ganz im Gegensatz zu den Bemühungen vieler Engländer, die EU verlassen zu wollen).

Gut, nehmen wir an, das ist eigentlich eine gute Sache. Ein starkes Europa, in dem einzelne, sich näher fühlende Gruppierungen (aka Staaten) eine gewisse Autonomie erhalten, in den wirklich wichtigen Entscheidungen, diese aber an ein großes Ganzes delegieren.

Bleiben solche Fragen wie Wirtschaft und Atom-U-Boote. Letzteres erst einmal vorweg: Atomwaffen abschaffen. Danke.
Die Wirtschaft ist schon komplexer. Da gibt es Banken, die kurz vor dem Kollaps stehen und solche, die damit drohen, ihre Geschäfte nach London zu verlagern, fürchten die Gegner. Da gibt es das Öl, sagen die Befürworter, das reicht aber nicht mehr allzu lange und ausserdem wird sich darum gestritten, wieviel Geld es wirklich für das Land abwerfen kann. Aber “nicht mehr lange” heißt ja auch, dass Schottland direkt den Auftrag bekäme, ökologischer zu werden, unabhängig vom Öl, die Highlands zum Beispiel zur Energieproduktion qua Staudamm zu nutzen. Und ökonomische Probleme gibt es allerorten. Ob und wie nachhaltig diese allerdings sind, ist ja eine ganz andere Frage. Wir reden hier von einer Entscheidung, die vollkommen einzigartig ist. Schottland ist seit 307 Jahren nicht mehr unabhängig und bei einem “Nein” wird es auch für mindestens 307 Jahre lang so bleiben. (Oder bis sich Nationalstaaten eh auflösen, weil EU oder die Welt sich dank größerer Krisen eh ganz anders entwickelt). Klar dürfte sein: Wirtschaftlich wird es Schottland dadurch erstmal nicht besser gehen, die Frage ist nur, wie sehr alles den Loch hinuntergeht. Aber Wirtschaft ist eben nur ein Faktor.

Bleibt das grundlegende Misstrauen gegenüber London (nicht der Stadt, dem Symbol). Gegenüber einem Land, einer Regierung, einer Gesellschaft, deren mentale Einstellung immer noch vermuten lässt, ihr gehöre halb Afrika, Asien und womöglich auch noch Amerika. Gegenüber einem Bild von Royals mit komischen Hüten, Cricket und Teatime, das für die allermeisten Menschen in Highlands, Lowlands und auf den Inseln tatsächlich vorkommt, als würde man von einer Macht regiert, mit denen man gerade einmal den Sprachstamm teile. Vor einigen Jahren las ich ein Buch, das auf Stornoway, der Hauptstadt von Lewis, äußere Hebriden spielt. Im Gedächtnis blieb dieses Zitat: “Fuck everyone from Holden Caulfield to Bridget Jones, fuck all the American and English phoney fictions that claim to speak for us; they don’t know the likes of us exist and they never did. We are who we are because we grew up the Stornoway way. We do not live in the back of beyond, we live in the very heart of beyond …”

Und dann wären da wieder die wirtschaftlichen Realitäten. Irgendwie bin ich ganz froh, dass ich nicht mit abstimmen darf.

Ein paar weitere Stimmen, Pro und Contra, die auch bei meiner Meinungsbildung ein bisschen geholfen haben, finden sich hier:

Contra:
The Economist

Eher Pro:
Fintan O’Toole im Guardian

Alan Trench

Eher neutral
Reuters

Job gesucht!


Ich suche einen Job und DU kannst mir helfen.

Meinen Lebenslauf findest du hier.,
My english CV can be found here.,

aber kurz zusammengefasst: Ich bin von Haus aus Informatiker, habe Erfahrung in Text, PR und Projektleitung, meine letzte Position war “Verlagsleiter Digital” bei der intosite GmbH, wo ich unter Anderem Produktverantwortung für merian.de, prinz.de und das Kochportal Küchengötter.de getragen habe.

Produkt- und Teamverantwortung ist auch das, was ich wieder suche.

Ich möchte Digitalprodukte gestalten, Räder drehen und Berge versetzen. Am liebsten möchte ich das dort tun, wo in flachen Hierarchien neue Strukturen geschaffen werden können oder sollen.

Ich habe die Kulturen und Strukturen von Startups und großen Unternehmen kennen gelernt. In beiden konnte ich meine Fähigkeiten bei der Schaffung neuer Produkte erfolgreich einsetzen, denn da, wo Veränderung zum Alltag gehört, fühle ich mich wohl. Meine Ziele erreiche ich durch die Arbeit mit permanentem Feedback von Nutzern und durch ständige Analyse relevanter Daten. Nur so lässt sich in agilen Prozessen stetige Verbesserung erreichen. Das kann ich managen und dafür Verantwortung übernehmen. Auch bei der Teamführung habe ich es bisher immer geschafft, auf die individuellen Stärken und Schwächen meiner Mitarbeiter einzugehen und Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen zusammen zu bringen, um gemeinsam Neues zu schaffen.

Am liebsten und besten arbeite ich dort, wo sowohl meine Kreativität als auch mein strategischer Weitblick gefordert sind. Ich kann dabei den Blick eines Technikers genauso annehmen wie den eines Kreativen. Am wichtigsten ist mir aber die Perspektive des Nutzers, denn ich möchte Produkte erschaffen, die man gerne verwendet und für die man gerne Geld ausgibt.

Ich bin nicht ortsgebunden, aber am liebsten würde ich in Hamburg oder Berlin arbeiten.

Kurzum: Wenn Du glaubst, dass ich bei deinem Arbeitgeber gut aufgehoben wäre, oder wenn dir ein Job einfällt, um den ich mich bewerben sollte, dann sag mir doch bitte Bescheid. Meine Adresse ist julian [at] phinn.de, weitere Kontaktdaten findest du auch im Lebenslauf.

Warum die Krautreporter scheitern müssen

Man kann über die Krautreporter sagen, was man will: mangelnde Ambition ist der falsche Vorwurf. Und doch, oder auch gerade deshalb, bin ich mittlerweile der Meinung, dass das Projekt scheitern muss. Nicht, dass ich von der Idee nichts halte, im Gegenteil. Aber jetzt nochmal Abstand, in ruhe Nachdenken, dann Reboot.
Aber von vorne: Die Krauterporter sind eine Gruppe von journalistsch arbeitenden Menschen, die gerne hätten, dass 15000 Menschen jeweils 60 Euro im Jahr bezahlen, um unabhängigen Journalismus zu fördern. Doch schon der Start war ungemein holprig und so ging es eigentlich auch immer weiter. Zu viele weiße Männer, die alles andere als Diversität vermuten ließen am Anfang, halbgare bis lahme Reportageideen in der Mitte, eine sehr seltsame Episode über Unklarheiten zur Rechtsform zwischendurch und nun ein Endspurt, der bisweilen (wenn auch nicht unbedingt von den Protagonisten) in einer Penetranz propagiert wird, die nur schwer zu ertragen ist.
Und darin liegt auch das Problem: Es reicht nicht, das Herz am richtigen Fleck zu haben und dem Verlagsestablishment etwas beweisen zu wollen. Es genügt auch nicht, erstmal ein bisschen Kohle einzusammeln und dann zu gucken, was man damit denn schönes an Journalismus machen kann. Es geht eben nicht nur darum zu zeigen “Hier, wenn wir ein paar Leuten die gut schreiben und recherchieren können Geld geben, dann kommt etwas dabei rum”. Es geht darum zu sagen “wir können das auch ohne Verleger, Chefredaktionsapparat und tote Menschen als Herausgeber”. Niemand braucht ein Produkt, was so ungefähr an die Zeit oder die FAZ heranreicht, das muss auf Augenhöhe sein, mit Qualität überflügeln, mit neuen Ideen inspirieren. Und das alles tun die Krautreporter nicht einmal ansatzweise, zumindest sehe ich keinen Willen zur Exzellenz.
Genau deshalb muss das Projekt scheitern. Weil sonst all jene, die der “Netzgemeinde” selbstreferenzialität und Belanglosigkeit vorwerfen in genau all ihren Argumenten bestätigt werden können. Niemand möchte, dass es heisst “Die Netzgemeinde fundet halt jeden Scheiss, solang er aus der eigenen Suppe kommt”. Also Reboot bitte.

Anmerkung: Ich arbeite zwar für ein Verlagshaus, dessen Angebot steht aber in keinerlei Konkurrenzverhältnis zu den Krautreportern.

Fahrradklingel-Usability

Vor etwa einem Jahr habe ich mich für den Kickstarter des “Orp Smart Horn” begeistert, ihn unterstützt, eine Fahrradklingel bestellt. Nun ist das “Orp Smart Horn” keine normale Fahrradklingel, schließlich trägt es den Namen “Smart”. Und ist das Ding elektronisch getrieben, lässt sich per USB laden, hat eine Lampe und zwei Klingelmodi. Die Lampe hat viele Lumen aber keine Fokussierung, sie schafft es also nicht den Weg auszuleuchten sondern eignet sich lediglich zur Positionsbestimmung, aber der eigentliche Clou sind ja die Klingelmodi. Drückt man den flexiblen Hebel leicht, so bimmelt das Smart Horn nur ganz sachte, um Fußgänger darauf aufmerksam zu machen, dass sie gerade den Radweg bevölkern zum Beispiel. Droht Gefahr, kann man den Hebel stark drücken. Dann trötet das Smart Horn in 95 Dezibel und blinkt wild herum, so dass auch Autofahrer mitbekommen, dass etwas nicht stimmt. Soweit so cool, so überzeugend, so die Theorie.
In Wirklichkeit haben wir uns über Jahre hinweg an ein typisches Bimmeln gewöhnt. Das kann ein “Ping” sein wie bei eher modernen Fahrradklingeln oder ein “Drrring!” wie bei den alten. Auf keinen Fall aber ist es elektronisch erzeugt und klingt nach einem wildgewordenen SMS-Ton oder etwas, woraufhin man sein Mobiltelefon snoozen lassen möchte.
Oder anders gesagt: Niemand auf der Straße bewegt sich auch nur einen Zentimeter, wenn man das Orp Smart Horn erschallen lässt. Da könnte auch ein Vogel krähen, ein Kind schreien, ein Schuss fallen. Und das ist eben das Problem mit Usability, die sich an mehrere Seiten richtet. Ich finde das Teil cool. Ich kann es einfach bedienen, installieren, nutzen. Aber mein Gegenüber, also die Fußgängerin, die Autofahrerin, die hat davon nichts.
Ob das in diesem Fall vermeidbar gewesen wäre? Immerhin musste das Horn erstmal gebaut werden, um einen solchen Fehler festzustellen. In vielen Produkten ist aber genau das schon vorprogrammiert. Es wird gebaut, was die Entwickler und Designer toll finden, es wird getestet an Gruppen ihresgleichen, mit features vollgeladen, die längst nicht alle verstehen und generell so getan, als sei das was man selbst gut findet der Maßstab für die Welt. Und das ist, warum es Diversität braucht, allenorten. Aber das ist eine andere Geschichte und hat nur bedingt mit dieser Fahrradklingel zu tun.

Frankreich

Und dann hörte ich diesen wundervollen Podcast, in dem es um die Deutsch-Französischen Beziehungen ging. Und machte mir so ein bisschen Gedanken. Tags darauf traf ich meinen ältesten Freund L. mit dem ich bereits in der Schule war. Wir sprachen über Städte und er sagte mir “Ich war kürzlich in Straßburg. Was für eine coole und wunderbare Stadt? Früher ist uns das nie aufgefallen, da sind wir halt mal in ein Konzert in die Laiterie, aber das war’s.”
Und tatsächlich: Wir sind eine Radtour weit weg von Straßburg aufgewachsen. An guten Tagen konnte man vom Schlafzimmer meiner Eltern aus die Spitze des Münsters sehen. Und doch war Frankreich abstrakt, weit weg, vor allem aber “nicht erstrebenswert”.
Es ist nicht so, dass mir das Französische nicht permanent nahe gebracht wurde: Wir hatten französische Nachbarn, es gab schon in der Grundschule ersten Unterricht. Ausflüge ins Elsass, überall Flammkuchen, Einkaufstouren zu Carrefour oder Super-U. Es gab das Feuerwerk auf der Europabrücke in Kehl, Lampionfahrten mit Kanus durch die Kanäle der Stadt, Städte- und Dorfpartnerschaften. Nirgends konnte, wurde, musste die Deutsch-Französische Freundschaft so gelebt werden, wie am Oberrhein.
Und doch, da stimmte etwas nicht. Schon ganz von anfang an. Frankreich, das war nah aber niemals cool. Klar hat man uns in der Grundschule die Sprache beigebracht, aber schon die Einstellung des Lehrers vermittelte das Gegenteil von Begeisterung. Im Gymnasium ging ich dann in die Lateinklasse. Die war übrigens genauso groß wie jene, in der man Französisch als erste Fremdsprache lernte. Insgesamt 50 Leute. Englisch? 130.
Das System sah dann in der neunten Klasse eine dritte Sprache vor. Ein viertel meiner Klassenkameradinnen wählte Griechisch. Der Rest hatte eher gemäßigte lust. Cool war es, seine schlechten Noten nach außen zu tragen. Als wir in einem Vokabeltest unsere allererste Sechs ever bekamen, gab es eine Klassenkonferenz, weil wir es gefeiert hatten wie so ein paar dämliche Weltkriegssoldaten die alles tun, sich aber bloß nicht ergeben wollten.
Klar: Es gab auch die offenen Ressentiments. Wackes wurden sie genannt, die Elsässer, ein altes Wort das in deren Dialekt “Strolch” oder “Lump” bedeutet und deren Benutzung auf den Deutsch-Französischen Krieg zurück geht.
Nun kam ich gar nicht aus Baden, sondern bin dort aufgewachsen. Ich hatte auch nie etwas gegen Frankreich, Franzosen, Elsässer oder ähnliches (bis auf das Elsässische. Was für ein grausliger Dialekt!). Aber es war einfacher, sich anzupassen und das alles ebenfalls uncool zu finden. Richtig gut französisch zu lernen, einen Schüleraustausch zu machen, über ein Studium dort nachzudenken, das hätte Rebellion bedeutet. Rebellion gegen ein Umfeld, das sich auch 35 Jahre nach De Gaulles Rede an die Deutsche Jugendimmer noch zu fein war, Interesse zu zeigen.
Und so kam es, dass wir zwar zu Konzerten fuhren, aber nie in die Ausgehviertel. Dass wir uns des Wochenends in den Zug nach Karlsruhe setzten, statt mal zu schauen, wie die Leute in den alternativen Vierteln Straßburgs so drauf sind.
In meinem Abi-Jahrgang waren 220 Menschen. Niemand davon hat sich an der Universität Straßburg eingeschrieben. Und irgend etwas sagt mir: auch anderthalb Dekaden später wird es nicht anders sein, in fernen Bundesländern finden junge Menschen Frankreich viel toller, als in der direkten Nachbarschaft. Im Rheingraben ist noch viel zu tun.

Update: Eine ehemalige Mitschülerin weist mich darauf hin, dass es zwei Französischklassen gab und sehr wohl einige Menschen (unter anderem sie), die eine Affinität zu Frankreich und der Sprache hatten. Den Post in seiner Absolutheit muss ich also zurücknehmen, was bleibt ist aber der Eindruck, dass es bei der überwiegenden Mehrheit genauso war wie von mir wahrgenommen (und von anderen bestätigt)

Konferenzblues

Da stehst du rum, mitten im Hof, im Foyer, vielleicht sitzt du auch, allein bei diesem Vortrag. Dir ist schon seit vorhin alles zu viel und es ist ja eigentlich noch nicht mal Tag 1 rum. Die anderen, die haben Spaß, finden neue Freunde, aber du bist nicht dabei. Die drei, mit denen du vorhin dieses lustige Gespräch hattest sind jetzt ohne dich Essen gegangen. Auf Twitter läuft dieser running Gag, von dem du nur erahnen kannst, wie er zustande kommt. Du bist einsam. Mitten auf einer Konferenz mit vielen tausend Menschen?

Vermutlich geht es allen so. Auf dem Chaos Communication Congress, auf der Re:Publica, auf all den anderen tollen Konferenzen mit Community-Charakter. Und wem es nicht so geht, der hat entweder einen wahnsinnig tollen Selfcare-Mechanismus, eine ungesunde Ignoranz gegenüber sozialen Interaktionen oder kein Interesse an den Leuten. Oder aber Überforderung, dann kommt der Blues erst später. Man kann durchaus drei Tage im sozialen Vollrausch über eine Konferenz rennen, sich selbst komplett ignorieren und dann nach dem letzten Besäufnis im Kater danach hart crashen. Ist aber auch ungesund.

Konferenzen, das ist drei Tage vollkommener Alarmzustand. Drölfzig Leute, von denen vorher nur der Nickname bekannt war, wenn überhaupt. Alkohol, wenig Schlaf, ein bisschen Input und dazu “tolle Gespräche”. Aber viel zu oft sind genau diese eben getränkt mit guter Laune und fragen mehr “Was machst du so” statt “wie geht es dir”. Und dann machen die einen einen Vortrag und du hattest dieses Jahr wieder keine Idee, oder deiner lief nicht so gut, war schlechter besucht und überhaupt: Eigentlich fandest du deine Inhalte viel zu wenig auf den Punkt, ausserdem hast du jetzt schon X mal Leute von anderen Vorträgen reden hören und nur so selten von deinem.

Und dann gibt’s da eine Presseanfrage aber nicht an dich, die beiden Leute, mit denen du vorhin noch rumgehangen bist, knutschen jetzt miteinander. Du stehst in dieser Gruppe von Leuten, die du im Internet total klasse findest und fragst dich, ob du genauso dazu gehörst wie die anderen. Langsam wirst du immer betrunkener, lachst und machst Sprüche aber innerlich fragst du dich, warum du immer noch nichts gegessen hast, während bei Foursquare gerade Leute in einem Restaurant einchecken, ohne dich gefragt zu haben. Warum eigentlich nicht? Hast du was falsch gemacht? Kam der Witz, den du vorhin versucht hast zu reissen. vielleicht nicht so gut an? Bist du nervig? Langweilig?

Nichts davon. Du bist damit garantiert nicht alleine und alle sind überlastet. Soziale Strukturen entstehen und gehen spontan. Egal wie beliebt du bist, wie eng du mit deinen Freunden rumhängst: Im Zweifelsfall wirst du auch mal vergessen werden. Und im Zweifelsfall ist das Okay, weil eine Viertelstunde später bist du mit anderen Leuten zum Essen und der oder die nächste fragt sich: “Und was ist mit mir?” Nur das kriegst du nicht mit. Du hast ja ja nicht gefragt, wie es geht. Dich hat ja auch niemand gefragt. Aber Gratulation zum neuen Job!

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