Über Humor

Als Hobby “Humor” anzugeben wäre so ungefähr das deutscheste, was ich als Halbengländer machen könnte. Als jemand, der schon zu Blackadder gelacht hat, bevor er es verstehen konnte (Wir lachten immer dann, wenn der Vater es auch tat), beschäftigt mich aber das ganze Thema schon eine sehr lange Zeit. “Die Deutschen haben keinen Sinn für Humor”, heißt es. Mein Vater fügt dann immer “Außer Loriot” an. Henning Wehn, ein Komiker, der als Deutscher fast ausschließlich in England bekannt ist, sagt dazu “I don’t find that funny”. Warum wir lachen, was witzig ist und was nicht, worüber man überhaupt Späße machen darf, all das ist eine Debatte, die teilweise skurrile Züge annimmt.
Während man sich in England alles andere als schämen muss für ein gutes Wortspiel (Ich bin der Meinung der britische Staatshaushalt durch Einführen einer Wortspielkasse binnen Wochen saniert werden könnte), wird dies in Deutschland stets mit “Der ist aber schlecht” kommentiert. Dabei lachen die Leute trotzdem. Ob ihnen die Klugheit des Witzes dann peinlich ist? Ob es einfach nicht hinterfragt wird, warum man diese Scherzform als “schlecht” ansieht? Ich wüsste es gerne.
“Das ist aber makaber” / “Was für ein dunkler Humor” sagen sie gerne über Scherze aus dem Inselreich. Als mache ein Witz oder das Lachen über die Unangenehmen Seiten des Lebens in irgend einer Form schlechtere Menschen. Ich könnte stundenlang weiter ausführen, was für einen seltsamen Stellenwert der Humor hierzulande hat. Dass es einen Rahmen braucht, Witze angekündigt werden, sich per “es darf geschmunzelt werden” für jede Regung der Mundwinkel vorab entschuldigt wird, und so weiter.

Gerade in diesen Tagen ist einer der am falschesten zitierten Menschen Kurt Tucholsky. “Satire darf alles”, sagte dieser einmal und meinte damit, dass man sich sehr wohl über die oberen der Gesellschaft lustig machen dürfe, ja müsse. Er sagte das in einer Zeit, in der die Presse eben keine uneingeschränkte Freiheit genoss. Weit weniger bekannt ist sein Zitat “Satiren, die der Zensor versteht, werden mit Recht verboten”. Oder anders: Humor darf alles, ausser faul sein.
Es wäre sicher eine unverschämte Generalisierung dem deutschen Humor vorzuwerfen er sei genau dies. Aber so ein bisschen kann man das nicht abstreiten. Millionen Menschen gucken sich Mario Barth an, das Privatfernsehen hat der deutschen Comedy ihren ersten Boom mit banalen Eincharakterdarsteller/Innen beschert (Der Polizist, der Bundeswehrausbilder, die Unterschichtentante aus der Vorstadt) und als Altmeister gilt ein Mensch, der eine Flasche Pomm-Fritt forderte. Man kann sich sicherlich streiten, aber da ist Potenzial nach oben.
Ja aber! Würde man einwerfen. Loriot! Badesalz! Mittermei… Nein, geht mir weg mit Mittermeier. Ernsthaft. Aber ich erkenne an, dass es da jene gibt, die sich eben nicht zu faul sind und auf die will ich nachher noch kommen. Bleiben wir erstmal beim Fernsehen. Die Heute Show? Ein langweiliger Abklatsch der Amerikanischen Formate aber auch des englischen Ten O’Clock News. Gernot Hassknecht? Eine grausige Kopie von Charlie Brooker.

Kabarett aus der Anstalt? Wie gefällig, so ein bisschen auf den Oberen herum zu hacken, aber immer in einem gewissen Maße, so dass Gymnasiallehrer sich zurück lehnen und bei einem Lambrusco applaudieren können. Es reicht, dass Humor Fragen stellt. Er muss nicht Antworten liefern. Ja, damit meine ich Pispers, Rether, Schramm und all die anderen die ihre Bühne mit einem Parteitagsrednerpult verwechseln.

Humor hat natürlich in erster Linie genau einen Auftrag und das ist, uns zum lachen zu bringen. Bei Kabarett und Satire kommt der Nachdenkfaktor, das provokante hinzu. Gut soweit. Aber all das entbindet nicht davon, fleißig sein zu müssen. Es ist das zweiteinfachste der Welt, sich über die Schwachen lustig zu machen. Das Einfachste ist übrigens, wie Stewart Lee anmerkt, ein Furz. Er ist die reinste und verständlichste, ja völkerverbindendste Form des Witzes. Am Beispiel einer Luftblase, die nach Scheiße riecht, aus einem Arsch kommt und dabei Geräusche macht, kann man meinen Punkt recht gut erklären. Er ist der kleinste gemeinsame Nenner, wenn es um körperliche Unzulänglichkeiten geht. Jeder Mensch hat schon einmal gefurzt, auch unabsichtlich, kann es nachvollziehen. Spätestens in der Grundschule lernen wir, spontan Furzgeräusche nachzuahmen. Wieviel schwerer ist es, einen guten Witz über eine Chemische Imbalance in der Amygdala zu machen und darüber zu lachen!
So ähnlich ist es mit Klischees. Je gemeinsamer der Nenner in der Beobachtung, desto langweiliger. Es ist oft nicht der latente Rassismus, Sexismus oder anderweitige Unmenschlichkeit die mich an vielen Witzen stört, es ist die schreckliche Banalität. In dem man nach unten tritt, zieht man sich auf ein billiges “Ich bin besser als du”, ein “ich setze mich über dich” zurück. Das zurückgreifen auf die offensichtlichen Klischees ist nichts weiteres als Faulheit. Das heisst nicht, dass es keinen negativen –ismus ausserhalb von Banalitäten gibt, mit Sicherheit ist eine völlig subtile Beleidigung einer Bevölkerungsgruppe genauso inakzeptabel. Aber es ist ein Unterschied, ob ein “Komiker” sich explizit -istisch äußert oder die Beleidigung aufgrund reiner Faulheit unternimmt. Das ist das, was ich Mario Barth unterstelle. Er hat es zu seiner “Kunstform” gemacht, nicht die außergewöhnlichen Beobachtungen des Alltags zuzuspitzen und zu übertreiben sondern die offensichtlichen. Und Offensichtlichkeit in Kombination mit einfacher Übertreibung, das ist ein µ weit entfernt vom Karnevalswitz mit der Hausfrau, dem betrunkenen Ehemann und dem Nudelholz.

Die großen Humoristen haben genau das immer vermieden. Loriot war genau deshalb so grandios, weil er im Alltag das Absurde entdeckt und auf die Spitze getrieben hat. Und dabei hat er die Mehrheitsgesellschaftlichen Konventionen in Frage gestellt. Er hat sich also gegen “die Mächtigen” gewandt, oft ohne, dass jene es eben gemerkt haben. Wir erinnern uns an das Zitat von Herrn Tucholsky. Man kann sich über gesellschaftliche Mißstände lustig machen, in dem man ein Vorstadtghetto karikiert. Man kann es aber auch tun, wie es einst Monty Python taten, und vier Reiche Männer in Sessel setzen, die ihre früheren ärmlichen Verhältnisse bis ins völlig bizarre romantisieren.

Oder nehmen wir den erfolgreichsten deutschen Humoristen aller Zeiten, der mit ganzen Filmen über die ach so scharfsinnige Beobachtung, dass sich manche Menschen gar nicht ihrer Geschlechterrolle gerecht verhalten (Traumschiff Surprise) Millionen in die Kinos lockte. Und stellen wir ihm Steve Hughes entgegen, der das “wie, das sind keine echten Männer?” mit einem “They Fuck men!” entlarvte. Es ist gar nicht so schwer, in der gleichen Beobachtung zwei völlig Konträre Dinge zu sehen, wenn man sich ein wenig Mühe gibt.

Das heisst übrigens auch, dass man sich über die Auswüchse von Religionen, ins Besondere von Extremismus lustig machen darf, ja sogar muss. Ob in Form von Monty Python beim Leben des Brian oder der Szene mit der am fließband Kinder produzierenden irischen Familie in “Der Sinn des Lebens”. (Eine Szene, die mein Vater, der in genau solchen Umständen aufgewachsen ist, übrigens zum schreien findet). Aber auch hier gilt: Hier werden Machtverhältnisse durchbrochen. Das macht es lustig.

Nun bin ich keine Zwerchfellpolizei und worüber ein Mensch lacht, das obliegt nicht mir festzulegen. Humor darf auch kein Bildungsprivileg sein. Aber selbst bei der einfachsten Humorform, dem völlig vorbildungsfrei konsumierbaren Slapstick gibt es eben genau jenen Unterschied zwischen “Scharf beobachtet und den Witz zwischen den Zeilen gesehen” (zum Beispiel die Abrahams & Zucker-Filme, etwa Die Nackte Kanone) und der Bananenschale und seinen modernen Äquivalenten: seelenlosen Blockbuster-“Persiflagen” die ihr einziges Kapital aus stumpfer Brachialität ziehen. Und ob weitere Opfer oder nicht, zumindest wird eines damit permanent beleidigt: Unser Gehirn.

2 thoughts on “Über Humor”

  1. du hast ja so recht.
    besonders in der debatte ueber charlie hebdo faellt unangenehm auf, wie schlecht die deutschen mit witzen sind. da wird das “ruehr mein kindergeld nicht an!” der boko haram sexsklav_innen auf dem cover als witz ueber eben jene armen seelen und nicht als witz ueber den rassismus jener, die den nichtweissen muslimischen muettern frankreichs unterstellen, “welfare queen” zu sein, verstanden. weil sie so einen witzaufbau nicht erkennen, nicht darin geuebt sind, weil man dem erzfeind und kriegsopfer auch mal rassismus nachweisen moechte?
    ich weiss es nicht, aber es ist unertraeglich.

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