Schottlandreferendum

Es gibt Referenden, für die ist es einfach, eine Meinung zu bilden (“Nein zur Seilbahn auf St.Pauli”), es gibt solche, da ist es ein wenig komplexer (“Rückkauf des Stromnetzes”) und dann gibt es Schottland. Ich versuche mich einmal an einigen, viel zu kurz gegriffenen Gedanken.

Ein wahres Feuerwerk der Argumente hüben wie drüben. Das Öl! Die Banken! Die selbstbestimmung! Das Öl! Die Wirtschaft! Die Atom-Flotte! Und dazwischen die subtileren Töne: Es sei eine Entscheidung Arm gegen Reich, sagt man. Eine des linkeren Nordens gegen das Establishment, eine Pro Europa. Es sei eine gegen ein eigentlich funktionierendes System, für einen Weg in die Armut. Und überhaupt ist ja noch gar nichts geklärt, bis auf dass die Queen wohl Queen bleibt. Was ist eigentlich mit der Währung? Und der Staatsbürgerschaft? Grenzkontrollen? Sofortige Aufnahme in die EU? Und was ist mit dem Domino-Effekt, den Schottland auslösen könnte auf Nordirland, Katalonien, Flamen, das Baskenland, Wales, ja Bayern gar? Und ist das alles am Ende nicht eigentlich eine furchtbar nationalistische Sache?
Nun, es geht um Nationalstaaten. Natürlich ist das erstmal eine irgendwie nationalistische Sache. Die einen wollen den Nationalstaat “Vereinigtes Königreich von Großbritannien und Nordirland”, die anderen den Nationalstaat “Schottland”. Und die, die den Nationalstaat “Schottland” wollen, scheinen gar kein Problem damit zu haben mit der Tatsache, dass nationalstaatliche Kompetenzen in Richtung Brüssel abwandern. Es ist ja auch nicht so, als sei diese Entscheidung etwas singulär neues, immerhin ist Jugoslawien vor einigen Jahren auseinander gebrochen und nun bemühen sich die einzelnen Staaten durchaus um eine Aufnahme in die EU. Wichtig ist also erstmal, dass daraus nicht noch mehr Kleinstaaterei entsteht. (Ganz im Gegensatz zu den Bemühungen vieler Engländer, die EU verlassen zu wollen).

Gut, nehmen wir an, das ist eigentlich eine gute Sache. Ein starkes Europa, in dem einzelne, sich näher fühlende Gruppierungen (aka Staaten) eine gewisse Autonomie erhalten, in den wirklich wichtigen Entscheidungen, diese aber an ein großes Ganzes delegieren.

Bleiben solche Fragen wie Wirtschaft und Atom-U-Boote. Letzteres erst einmal vorweg: Atomwaffen abschaffen. Danke.
Die Wirtschaft ist schon komplexer. Da gibt es Banken, die kurz vor dem Kollaps stehen und solche, die damit drohen, ihre Geschäfte nach London zu verlagern, fürchten die Gegner. Da gibt es das Öl, sagen die Befürworter, das reicht aber nicht mehr allzu lange und ausserdem wird sich darum gestritten, wieviel Geld es wirklich für das Land abwerfen kann. Aber “nicht mehr lange” heißt ja auch, dass Schottland direkt den Auftrag bekäme, ökologischer zu werden, unabhängig vom Öl, die Highlands zum Beispiel zur Energieproduktion qua Staudamm zu nutzen. Und ökonomische Probleme gibt es allerorten. Ob und wie nachhaltig diese allerdings sind, ist ja eine ganz andere Frage. Wir reden hier von einer Entscheidung, die vollkommen einzigartig ist. Schottland ist seit 307 Jahren nicht mehr unabhängig und bei einem “Nein” wird es auch für mindestens 307 Jahre lang so bleiben. (Oder bis sich Nationalstaaten eh auflösen, weil EU oder die Welt sich dank größerer Krisen eh ganz anders entwickelt). Klar dürfte sein: Wirtschaftlich wird es Schottland dadurch erstmal nicht besser gehen, die Frage ist nur, wie sehr alles den Loch hinuntergeht. Aber Wirtschaft ist eben nur ein Faktor.

Bleibt das grundlegende Misstrauen gegenüber London (nicht der Stadt, dem Symbol). Gegenüber einem Land, einer Regierung, einer Gesellschaft, deren mentale Einstellung immer noch vermuten lässt, ihr gehöre halb Afrika, Asien und womöglich auch noch Amerika. Gegenüber einem Bild von Royals mit komischen Hüten, Cricket und Teatime, das für die allermeisten Menschen in Highlands, Lowlands und auf den Inseln tatsächlich vorkommt, als würde man von einer Macht regiert, mit denen man gerade einmal den Sprachstamm teile. Vor einigen Jahren las ich ein Buch, das auf Stornoway, der Hauptstadt von Lewis, äußere Hebriden spielt. Im Gedächtnis blieb dieses Zitat: “Fuck everyone from Holden Caulfield to Bridget Jones, fuck all the American and English phoney fictions that claim to speak for us; they don’t know the likes of us exist and they never did. We are who we are because we grew up the Stornoway way. We do not live in the back of beyond, we live in the very heart of beyond …”

Und dann wären da wieder die wirtschaftlichen Realitäten. Irgendwie bin ich ganz froh, dass ich nicht mit abstimmen darf.

Ein paar weitere Stimmen, Pro und Contra, die auch bei meiner Meinungsbildung ein bisschen geholfen haben, finden sich hier:

Contra:
The Economist

Eher Pro:
Fintan O’Toole im Guardian

Alan Trench

Eher neutral
Reuters

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