Wenn Staatsmänner, mitverantwortlich für Hunger und Leid auf dieser Welt, in bigotter Eintracht mit denen aufstehen, die das Übel der Welt bekämpfen wollen, dann macht mich das natürlich wütend. Wenn beinahe lächerliche Diskussionen um wenige Promille unseres Staatshaushaltes geführt werden müssen, um die Zukunft von Millionen zu verbessern, erregt das Abscheu und Ekel in mir. Wenn tote zur Statistik verkommen, wenn Hunger von einem Gefühl zu einer Zahl wird, möchte ich laut aufschreien.
Ich habe schon vor langer Zeit angefangen zu schreien. Habe begriffen, dass es nicht reicht, mein Gewissen mit ein paar Spendengeldern zu befriedigen. Habe demonstriert, habe mich engagiert, habe geschrieben, habe diskutiert und das, was mir möglich erschien, getan - auch wenn ich nie den Eindruck habe, dass es genug ist.
Und ich kenne viele andere wunderbare Menschen, die ihren Beitrag dazu leisten, diese Welt lebenswerter zu machen.
Aber diese Menschen sind leider in der Minderheit. ein paar Tausend Menschen werden die Welt nicht verändern können, wenn sie nicht die vielen Millionen hinter sich haben, aus denen unsere Gesellschaft besteht.
Um auf den Punkt zu kommen: ich glaube, dass Live8 eine gute Sache ist. Ja, trotz der Sponsorings, trotz der Massenkompatiblität, trotz der Plakativität.
Schrecklich wäre es, wenn Live8 das einzige wäre, wozu diese Welt bereit ist. Wenn es die Demonstrationen in Edinburgh, die Stände auf den Marktplätzen, die Weltläden und deren Kunden, und was sonst noch dazu gehört, nicht gäbe. Schlimm wäre es auch, wenn nicht auf die Rolle großer Konzerne hingewiesen würde, nicht die Sache mit den weißen Sweatshop-Bändchen
erwähnt und die Ausnutzung dieser Gelegenheit durch verlogene Politiker und Rockstars die ihre Karriere wiederbeleben wollen nicht angeprangert würde.
Aber das gehört dazu. Und all das, das Konzert, die Übertragung, die Menschen für die der Konzertbesuch wahrscheinlich alles ist, was sie dieses Jahr für Afrika tun werden, und die Kritik, die Gegner und deren Presseaufmerksamkeit, die es ohne diesen Event sicher auch nicht gäbe.
Aber wenn auch nur ein Mensch sich danach mehr gegen das Leid dieser Welt engagiert, wenn ein Zeitungsartikel mehr über die Kriege, die Aidstoten und den Hunger bereichtet, war Live8 ein Erfolg. Wenn es hilft, die Demonstrationen in Edinburgh zu stärken, wenn es hilft, die G8 auch nur zu einem faden Kompromiß zu bewegen, der besser als das was jetzt ist, ist Live8 ein Erfolg. Zwar keiner auf dem man sich ausuruhen sollte, keiner der irgend einen Menschen zufrieden stellen könnte, aber ein Schritt in die richtige Richtung.
UPDATE: Mir ist natürlich klar, dass das alles nichts daran ändern wird, dass die wenigsten Menschen bereit sind, ein Stück ihres eigenen Wohlstandes abzugeben um wirklich etwas in der Welt zu ändern. Dazu später in einem anderen Artikel mehr.