Aufstehen gegen Softwarepatente. Und das um kurz nach 6 Morgens. Ziel: wieder Strasbourg, der entscheidende Tag.
Als wir gegen 8 uhr ankommen, gerate ich in einen Pulk von Menschen, die sich gerade registrieren lässt, um in den Innenhof des Parlamentsgebäudes zu kommen. Dort stehen wir dann die nächsten anderthalb Stunden, bilden Hand in Hand einen Kreis und lassen uns freundlich von verschiedenen Politikern begrüßen und mut machen, die wohl gegen die Richtlinie stind. Zwischendrin bekommen wir dann solche Sätze wie "das wird heute alles gekippt" zu hören. Das macht Mut und motiviert, auch im Regen auszuharren. Ausserdem kommt Cohn-Bendit in Jogginganzug rein und grinst uns an. Auch lustig.
Als es dann doch etwas zu regnerisch wird stellen wir uns kurz unter, ich werde dabei für einen Privat-Phototermin eines Scottish-National-Party-Abgeordneten eingenommen. Scheint aber nicht veröffentlicht zu werden, von daher ist das okay.
Danach wird es seltsam: Thomas Wise, MEP für die UK Independence Party lädt 9 Leute ein, mit ins Parlament zu kommen. Jan und ich nehmen das natürlich wahr, und während er komische Zoten (manche Lustig, manche befremdlich anti-europäisch) vom Zaun lässt, werden wir durch mehrere Sicherheitszonen geschleust. Gelbe "No Software Patents"-Shirts müssen abgegeben werden (politische Meinungsäußerung im Parlament ist den Parlamentariern vorbehalten), mein schwarzes Shirt beanstandet kurioserweise keiner. Haben die wohl nicht so richtig kapiert.
Auf dem Gang beruhigt Mr. Wise dann zuerst meine Befürchtungen, indem er klar macht: "Wir sind wahrscheinlich alle nicht einer Meinung, aber wir sind Demokraten und deshalb lade ich Sie ein". Schön, da muss ich mir immerhin keine Gedanken machen, ob ich nachher in unangenehme Situationen komme. Bei Kaffee und Cola (nachdem er uns sein Büro zeigt), gibt's dann weitere seltsame nationalistische Ansichten zu hören. Die EU sei schlecht für England, immer mehr Menschen in Europa sähen das ähnlich, sinnvoll sei die Abschaffung des Euro und generell die Abschaffung der EU, oder Umwandlung in eine losere Freihandelszone ohne feste Regularien und ohne Bürokratie. Ich mache mir derweil gedanken, was an Europa momentan wirklich falsch läuft und überlege mir, wie ich das demnächst mal in einen Blogeintrag fassen kann.
Dann endlich: die Abstimmung. Unermeßliche Spannung, einige Grüne in gelben Shirts, komische Aufpasser die zu Ruhe und wegen des Fotoverbots mahnen. Letzteres ignoriere ich zumindest teilweise.
Die deutlichkeit, 648:14:18 hat mich dann doch etwas überrascht, lässt aber die aufgestaute Anspannung aller in Eurphorie ausbrechen, wir liegen uns in den Armen und feiern bei ein bisschen Sekt. Zwar ist das Problem nicht gelöst und keine endgültige Gesetzgebung gefunden, aber diese Zwischenetappe ist ein riesiger Erfolg, für den uns auch unter anderem die Mitarbeiterin eines polnischen Abgeordneten noch einmal Dank ausspricht.
Auch ich möchte hier nochmal allen Danken, mit denen ich in den letzten Monaten zusammen arbeiten konnte: die Attac-AG Wissensallmende, die Leute bei Campact, der FFII, die unorganisierten Aktivisten und die Patentgegner in den anderen Organisationen mit denen ich zu tun hatte: Danke!