Die Straßenfotografieproblematik

Als ich kürzlich Vietnam bereiste, hatte ich eine Kamera und mehrere Objektive dabei. Eines hätte zwar gereicht, aber im Prinzip habe ich zwei Arten von Photos gemacht. Die einen sind weitwinklige Bilder von Landschaften. Reisterrassen, Dschungel, Berg und Tal.
Die anderen aber sind das, was man gemeinhin Straßenfotografie nennt. Bilder von Menschen in alltäglichen oder nicht-so-alltäglichen Situationen. Schüchtern winkende Kinder,
Schulkinder
ein Mensch ohne Hand, der bei einer Hochzeitsfeier Gitarre spielt,
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Bewohner von Ho Chi Minh City, wie sie ihr alltägliches Bier trinken.
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Als ich zurück kam, stellte ich diese Bilder auf Flickr. Warum auch nicht, dachte ich mir. Ich bin zwar kein Profi und mein Equipment könnte besser sein, aber der ein oder andere gute Schuss ist mir gelungen. Mir kamen aber ein paar Zweifel. Was ist eigentlich mit den Rechten der Menschen, die ich da geknipst habe? Wollen die das? Finden die Eltern der Schuljungen es in Ordnung, dass ich ihre Kinder auf einer Hängebrücke abgelichtet habe? 
Nun, Vietnam ist ca 9000 Kilometer weit weg. Die Menschen dort sprechen eine für mich völlig unverständliche Sprache. Einige Bilder sind im Vorbeigehen entstanden. Unmöglich, diese Menschen zu fragen, ob sie mir erlauben, das Bild zu verwenden. Und selbst wenn, wo kein Kläger da keine Richterin und “Recht am eigenen Bild” als Deutsches Rechtskonstrukt ist vermutlich für eine Bauernfamilie im Vietnamesischen Hochland ähnlich unbegreiflich, wie dass manche Menschen hier Hartweizennudeln mit Ketchup essen und Hühnerfüße nicht als Nahrungsmittel betrachten. 
Die moralische Frage bleibt aber. Wann ist es in Ordnung, reflektierte Lichtstrahlen von einem CCD oder einem Farbfilm aufnehmen zu lassen? Nun haben berühmte Menschen damit eine ganze Kunstgattung geschaffen. Henri Cartier-Bresson. Vivian Maier. Street Photography hat noch nie nachgefragt, ja sie kann es meist gar nicht. Unbeteiligte Beobachtung, die bestimmte Bilder erst möglich macht. Menschen im vorbeigehen, die im nächsten Moment schon um die Ecke verschwunden sind. 
Nun hat mein Gedankenspiel kürzlich einen echt realen Hintergrund bekommen. Der Ostkreuz-Fotograf Espen Eichhöfer wurde von einer Frau verklagt, die durch eine veröffentlichte Fotografie ihr Recht am Eigenen Bild verletzt sah. Eine Unterlassungserklärung reichte ihr nicht, Schadensersatz steht im Raum. Eichhöfer sieht nicht nur seine Arbeit sondern eine ganze Kunstgattung gefährdet. Er sammelt Geld und möchte zur Not durch alle Instanzen gehen. 
Nun kann man es sich einfach machen. Man kann sagen “Recht am eigenen Bild kann nicht vor Kunst halt machen”. Man kann argumentieren, dass die Freiheit der Kunst nicht durch Rechte eingeschränkt werden darf, deren Intention ein ganz anderes war.
Aber wo sind die Grenzen? Darf nur noch ein Espen Eichhöfer mit gewichtiger Fotografieagentur und renommiertem Galeriehintergrund durch die Straßen ziehen? Darf ich das auch noch? Wie gut oder schlecht muss ich sein? Was unterscheidet genau, ob ich ein Foto eines Menschen mache, weil das Lächeln zum Zeitgeist passt davon, dass ich es als Stalker tue? Kann die Aufnahme eines öffentlichen Platzes durch eine CCTV-Kamera nicht auch Kunst sein? Was passiert, wenn große Kunst für den Schaden einzelner sorgt? Etwa weil das abgelichtete Liebespaar in Wahrheit die Regeln monogamer Treue verletzt oder weil der Rosenverkäufer auf dem Markt eigentlich keine Arbeitserlaubnis besitzt? Wer zeigt sich verantwortlich? Muss es Verantwortung geben? Oder müssen wir als Gesellschaft akzeptieren, dass man im Namen der Kunst kein Omelette machen kann, ohne ein paar Eier zu zerdeppern? 
Wollen wir auf der anderen Seite verlangen, dass jede Fotografin vor oder nach der Aufnahme mit einem vierseitigen Wahrnehmungsvertrag angerannt kommt, vermutlich mit dem Effekt dass nur noch eines von Zehn Fotos tatsächlich legal ist? Wollen wir, dass nur noch jene Leute Bilder veröffentlichen dürfen, die davon ausreichend komfortabel leben können, dass ein paar Tausend Euro Schadensersatz dann doch nicht so schlimm sind? 
Wer argumentiert, es gebe dann kein Bildgedächtnis mehr aus unserer Zeit, der verkennt dass es millionen von Smartphones gibt und natürlich permanent alles und alle aufgenommen werden. Instagram ist voll von Straßenfotografie, die mal mehr und mal weniger von Belang ist. Schließt ein “Verbot” also in Wahrheit die große Kunst aus und lässt die Beliebigkeit so lange gewähren, bis doch etwas passiert? Und sorgt eine Konfrontation den fotografierten mit der Frage “Möchtest du auf diesem Bild im Internet erscheinen” nicht erst für einen Prozess der Ablehnung, wo ein mögliches “Hey, ich habe ein Bild von dir im Netz gesehen” vermutlich zu Gleichgültigkeit geführt hätte?
Nein, einfach ist das nicht. Und eine Antwort habe ich ebenfalls nicht parat. Salomon, übernehmen Sie!

 

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