Es geht hoch her in den Internet-Debatten. Sei es die spackenkritische Privatsphäria, seien es Anonymous, seien es Diskussionen um Verteidigungskämpfe und wie diese zu führen seien, sei es das ganze Ding mit dem Urheberrecht, der Kulturwertmark und der Abschaffung von allem. Ich habe etwa 2007 mein Engagement in Sachen Netzpolitik von "jede freie Minute" auf "wenn es passt" zurück geschraubt und wenn ich mir das ganze Ding so angucke, viel hat sich nicht verändert.
Wir, und ich meine hier alle, die sich progressive Gedanken zur sich verändernden Welt machen, diskutieren immer noch um die gleichen Dinge, wir führen einen Verteidigungskampf nach dem anderen. Und das meistens unglaublich spät, ACTA war schon damals ein Thema, die Vorratsdatenspeicherung auch. Aus welchem Grund auch immer hat die Politik es geschafft, unsere Geschwindigkeit an die ihre anzupassen.
Es ist ja nicht so, als sei nichts passiert. Wir haben wichtige Kämpfe gewonnen, vor Gericht wie vor dem Parlament. Ein paar von uns sind im Abgeordnetenhaus, ein paar andere haben Bücher geschrieben, bloggen für die FAZ oder treten regelmäßig in Talkshows auf. Die Themen aber sind seit Jahren Rückzuckskämpfe und eine allmählich einsetzende staatstragende Behäbigkeit.
Wir sind getrieben von Horrorvisionen. Von Szenarien, vor denen wir unser heiles Internet bewahren müssen.
Doch so wie auch die Umweltbewegung nicht alleine aus der Bewahrung der guten Natur leben konnte, so können auch wir uns nicht mehr hinstellen und "Das Internet muss unseres bleiben, so wie es mal war" brüllen. Dann wird uns die Politik nicht nur ausbremsen, sondern überholen. Wir brauchen eine positive Utopie. Eine Landschaft voller Windkrafträder und Sonnenkollektoren, voll nachhaltiger Forstwirtschaft und glücklicher Hühner. Und so wie es in der Umweltbewegung die Vegetarier und Veganer gibt, die erst weder traurige noch glückliche Hühner auf Bauernhöfen sehen wollen, so darf es auch bei uns Streit geben. Aber verdammt noch mal, warum schaffen wir es immer noch nicht, aufzuschreiben, was wir eigentlich wollen, wären wir nun mal nicht in der Opposition?
Natürlich habe ich nichts in der Schublade. Aber wenn Anonymous auf der gewaltbereiten Seite und TOR auf der friedlichen das radikalste sind, was das Internet hervorgebracht hat, dann bleibt eben genau jene Frage übrig. Wären wir 68er, wir hätten Rudi Dutschke und die RAF, aber keinen Adorno.
Fragt sich nur, warum das so ist. Vielleicht, weil die Welt sich so schnell dreht, dass alle Utopie einer Science-Fiction-Geschichte gleicht. Weil vor zehn oder fünfzehn Jahren niemand die ganze Bandbreite der Veränderung, von Blogs, Facebook und Twitter über Smartphones, Massenspeichern in der Cloud und ubiquitärem Internetanschluss bis hin zu Crowdfunding, Flattr und Bittorrent hätte vorhersagen können und sich auch niemand an eine Vision für die Jahre 2022-2027 ausdenken mag. Aber dann gab es sie doch, die einzelnen Stimmen.
Nicht John Perry Barlow mit seiner schönen aber eben defensiven Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace. Aber Menschen wie Wau Holland und Sätze wie "Den Herrschenden ist mit dem [Internet] Brechts Radiotheorie auf die Füsse gefallen. Sie haben es nur noch nicht gemerkt." von 1997. Wir brauchen mehr Voraussicht.
Auch im Positiven Sinne. Wir können uns nicht mehr länger auf die Wahrung unseres Grundgesetzes berufen. Wir können auch nicht mehr davon ausgehen, dass unser Leben einfach so weitergeht wie bisher, wenn das Finanzsystem, die Wirtschaft, und damit auch unsere bisherige Gesellschaftsform alles andere als Stabil sind. Wir müssen wieder führen, sonst werden es andere tun.
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