
Es ist Freitag gegen acht oder halb neun. Wir fahren "sehr lange geradeaus", wie uns das Navi befohlen hat, die A8 hinunter. Im Radio läuft Bayern 3, die Hitparade. Während ich gegen eine latente Müdigkeit ankämpfe, erwachen Erinnerungen.
Meine Großeltern wohnen in Oberbayern, schon seit fast 50 Jahren. In Chieming im Chiemgau am Chiemsee, im Goriweg, gegenüber von Goriwirt und Goriwiese, wo früher Kühe grasten und heute ein Lidl steht. Viel mehr hat sich allerdings nicht verändert. Im Keller hat mein Großvater eine kleine Bar und dort, so etwa vor zweiundzwanzig, vielleicht auch nur zwanzig Jahren, hörten wir ebenfalls Freitag abends gegen acht, halb neun, die Hitparade. Immer, wenn wir in den Ferien zu Besuch waren. Und wie das uns begeisterte, meinen Cousin und mich! Die Hits! Die echten! Die auf Platz Nummer eins! Wahnsinnig spannend und so wichtig, dass wir Buch geführt haben darüber. Nicht, dass wir auch nur den Namen eines einzigen Musikers richtig geschrieben hätten, aber "Rock Set", die waren schon was. Uns war klar, was wir tun mussten: Eine Disco! Und zwar für alle! Den Namen hatten wir auch sofort, ein Name voller Glanz und Gloria. Disco Amaretto! Das klang fetzig. Was Amaretto hieß, wussten wir nicht, aber der Name! Toll. Wir gingen so gleich ans Werk. Malten Schilder auf A3-Malpapier und überlegten uns, wie man das Licht möglichst schnell an und aus machen kann, damit echtes Discofeeling aufkommt. Ausserdem schlichen wir uns in Opas Keller, nahmen ein Stück Holz, sägten die Ecken ab, so dass ein Pfeil daraus wurde und brannten den Namen unserer Disco in großen Lettern mit einem Lötkolben ein. Als nächstes überlegten wir uns den Namen unserer Band. Die müsste ja dort auch spielen, sobald wir mal spielen könnten. Mein Cousin am Cello, ich an der Trompete, irgendwie würde man da schon fetzige Rockmusik machen können. Nur ein Problem gab es noch, denn irgendwann hatte ich aufgeschnappt, dass meine Großeltern das Grundstück 1964 nur mit der Verpflichtung erwerben durften, kein Gastgewerbe zu eröffnen, denn der Goriwirt wollte ja keine Konkurrenz. Also rannte ich durchs Haus und klärte mit Opa, Onkel, Vater und sonstigen anwesenden ob denn eine Disco auch ein Gastgewerbe sei.
Doch eigentlich waren unsere Pläne viel größer: ein Freizeitpark sollte her. Die Aufzeichnungen hierfür sind eindeutig: "Dieser Park wurde 1991 geplant von [meinem Cousin, dessen Name hier nichts zur Sache tut] und Julian Finn. Er wurde für atraktive Freizeit von jung und Alt gebaut der anfang war ein Schwimparadis Hotel und Riesenspielplatz und 50 Flipperautomaten." Dazu Zeichnungen für ein Feuerwerk-Haus und einem Turm mit der Beschreibung "Dieser Turm ist eine (geheim) funkstelle der zutritt für Gäste ist verboten". Klare Ansage. Ausserdem war auf dem Parklayout mit dem Funkturm in der Mitte etwa 800 Punkte, alle für Überwachungsfunkstellen. Wir hatten schon perfide Pläne damals.
Es waren tolle Ferien, die wir im Haus meiner Großeltern hatten, mein Cousin und ich, die Nachbarsjungen. Heute bin ich leider nur noch selten dort. Dankbar, dass meine Großeltern mit 84 Jahren noch leben aber viel zu beschäftigt, um allzu oft ein Mietauto fürs Wochenende zu nehmen und die vielen hundert Kilometer gen Südosten zu fahren. Die Nachbarsjungen wohnen zum Teil noch dort im Elternhaus und wenn wir uns sehen, dann freuen wir uns sehr. Zu sagen haben wir uns kaum noch etwas, es ist die Erinnerung an längst vergangene Sommerferien, an Baumhäuser und Waldlager, später an Lagerfeuerparties am See, die uns verbindet. Nostalgie kann schön sein, in den richtigen Dosierungen.