Die Partei, Die Partei...15. September 2009 / Kategorie: politics
Ich schiebe diesen Post schon sehr sehr lange vor mir her, möchte aber nun doch einmal den ein oder anderen Gedanken zur Piratenpartei loswerden.
Um irgend einen Einstieg zu finden möchte ich sagen: Mich wurmt die Piratenpartei, auch wenn es mich freut, welche Kreise der Gesellschaft hier gerade eine massenhafte Politisierung erleben. Ich bin selbst 29 Jahre alt und mache Politik, seit ich 16 bin. Damals bin ich zu den Jusos gegangen, weil es bei uns auf dem Land keine Grüne Jugend gab und ich irgend etwas im eher linken Spektrum gesucht habe. Meine politische Meinung war noch nicht so richtig gefestigt, ich hatte aber eine ganz gute Vorstellung davon, dass die Welt im idealen Falle ökologischer und sozialer aussehen solle. Internet hatte damals noch keine politische Relevanz, da konnte man sich noch prima entscheiden. Mit zunehmender Schröderisierung der SPD (und weil mir damals das ganze Parteigeklüngel auf den Sack ging) bin ich dann 2000 aus den Jusos aus- und 2001 bei Attac eingetreten. Parteipolitik, so glaubte ich damals noch etwas fester als heute, sei nicht das Konzept der Zukunft. Ich wollte lieber ausserhalb des Parlamentes Druck ausüben, um auf diese Weise die herrschende Politik zu beeinflussen. Und daran halte ich eigentlich bis heute fest. Ich glaube, dass meine Arbeit, die ich in den vergangenen Jahren geleistet habe, viel besser in einer Nicht-Parteien-Organisation aufgehoben war und ist. Nur weil ich kein Parteimitglied bin, wäre es also grundfalsch anzunehmen, ich wäre politisch nicht engagiert. Wenn ich mich betätige, sind das heutzutage das Netzwerk Freies Wissen, das ich mitgegründet habe, und der Chaos Computer Club.
Nun möchte ich aber der Vermutung vorweg greifen, ich habe generell ein Problem mit Parteien. Das habe ich nicht. Ich bin nur der Meinung, dass eine Gruppierung, die sich auf ein einzelnes Thema oder einen Themenblock beschränkt, besser keine Partei wird. Das hat zwei Gründe: Zum einen die Einigkeit: es ist ungleich einfacher, sich auf ein Thema zu verständigen, denn auf viele. Es ist auch einfacher, dieses vehement zu fordern, wenn es keine Nebenkriegsschauplätze gibt. Zum anderen ist es aber die Durchsetzungsfähigkeit. Ein Grund für den Gegenwind, der den Piraten entgegenschlägt, ist ihr Parteienstatus. Der bedeutet, dass man Wählbarkeit verlangen darf, was Begehrlichkeiten weckt. Die Debatten um Frauenquote, Aktivitäten in der Presse und anderes würden kaum zur Sprache gebracht, wenn die Piraten "nur" eine Organisation für Bürgerrechte im digitalen Zeitalter wären. Und weiter noch: die Anliegen der Piraten-Klientel könnten viel leichter angenommen werden, würde man sie nicht als Konkurrenz betrachten. Öffentlicher Druck - sei er auf der Straße oder in der Presse, hätte dann mehr Effekt. Hinzu kommt, dass auch Begehrlichkeiten wegfallen, wenn man nicht zur Wahl steht. Man kann Meinungen äußern, ohne Angst um Wählerschaft zu haben, und kritik einstecken, ohne die Felle davon schwimmen zu sehen. Die politische Ansicht verkommt somit nicht zum reinen Selbstzweck, wie man es auch bei den Piraten so manchmal vermuten mag. Wenn ich mir Bilder aus politischen Veranstaltungen der letzten Wochen ansehe, fühle ich mich manchmal an früher erinnert, als die Trotzkisten versuchten, die audiovisuelle Hoheit über jede einzelne Demo zu übernehmen. Wenn ich Kommentare zu piraten-kritischen Artikeln lese, mündet das allzu oft in übler Polemik und dem Vorwurf, man würde "Piraten-Bashing" betreiben. Nur: Was ist das denn für ein Vorwurf in Zeiten des Wahlkampfes, wo es eben genau darum geht, dem anderen keine Stimme zu schenken und jeden, der gewählt werden möchte, genauestens auf den Prüfstand zu stellen? Wie dem auch sei, ich fürchte, das Mobilisierungspotenzial der Piraten ist eine vertane Chance für die Bewegung. Gegenöffentlichkeit und Lobbydruck von der Straße könnten viel mehr ausrichten, als 2-3 % in einer Bundestagswahl. Und nach der Wahl, wird man sich an die Piraten womöglich nur noch als Ralph-Nader-Gedächtnispartei erinnern. Bleibt noch der immer wieder auftauchende Vergleich mit den Grünen: Die Grünen hatten am Anfang zwar auch nur wenige Themen, diese waren aber so gut wie exklusiv. Keine der damals drei etablierten Parteien hatte ein offenes Ohr für Umwelt und Friedenspolitik. Schmidt hatte mit der SPD gerade erst dem Nato-Doppelbeschluss zugestimmt, die CDU bestand aus alten Herren und die FDP war gerade zu einer Wirtschafspartei verkommen. Auch wenn die Positionen der Piraten nicht so konsequent verfolgt werden, findet man ähnliches auch in den Programmen von Grünen und FDP, ja sogar SPD. Das nur, um es noch einmal festzuhalten.
Posted by julian
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Lesenswerte Analyse - auch wenn ich meistens gerne aktives Mitglied der Grünen bin, zeigst du genau auf die Probleme des Parteiensystems - und machst letztlich auch deutlich, warum eine Partei diese nicht lösen wird.
Das Mobilisierungspotenzial von dem Du redest, wäre ohne das Auftreten als Partei doch gar nicht vorhanden (als Beweis nimm das bisher vorhandene allgemeine Desinteresse an dem Thema).
So gesehen kannst Du doch froh sein, dass die Partei überhaupt die Aufmerksamkeit auf diese Themen lenkt. Sieh es halt als große PR-Aktion. Und genau das will ich nicht glauben. Das Zensursula-Thema war auch in der Presse, als von den Piraten noch kaum einer gesprochen hat. Eine NGO mit diesem Mitgliederzuwachs hätte mindestens genauso viel Aufmerksamkeit bekommen und würde, wie schon geschrieben, nicht von Zypries et al. als Konkurrenz angesehen...
Erst die Aufmerksamkeit, dann der Mitgliederzuwachs.
Du verwechselst Ursache und Wirkung. ich glaube auch, dass eine entsprechende Piraten-NGO diesen Mitgliederzuwachs hätte bekommen können.
Ich denke Wolfgang hat sehr recht hier...
#2.1.1.1.1
Lars
on
2009-09-16 11:08
(Reply)
Der Haken an der Argumentation: Wenn die Piraten so eine Art Bürgerinitiative wären, dann hätten sie ungefähr genauso viel Gewicht wie Attac & Co. - nämlich Null. "Lobbydruck von der Straße"? Träum weiter.
Die Piraten haben inzwischen erreicht, dass Grüne und SPD das Thema informationelle Selbstbestimmung noch eben schnell auf den letzten Drücker in den Wahlkampf gehoben haben. Beispiel: http://www.gruene.de/index.php?id=143&tx_ttnews[tt_news]=1353 Das nennt man normalerweise "vor sich hertreiben". Die Grünen sprechen doch nicht erst seit gestern über Informationelle Selbstbestimmung, ich bitte dich!
Klar, der Brief und so war natürlich von langer Hand geplant und so. Und das Abstimmungsverhalten beim ZugErschwG, das war nur um den politischen Gegner zu verwirren und so. Was auch sonst?
Natürlich war der Brief spontan, das Thema ist aber nicht erst seit dem Brief bei den Grünen angekommen.
Und die sache mit den 15 Abgeordneten... Klar, kann man bei den Grünen kritisieren, ist aber auch schon xmal durchgekaut worden und rechtfertigt nun wirklich nicht die Gründung einer neuen Partei und erklärt schon 2x nicht alles weitere, was ich angesprochen habe. Also wenn ich höre, dass es auf dem Parteitag der Grünen Sprecher gab, die sich FÜR (!) die Internetsperren ausgesprochen haben, dann zweifle ich doch stark daran, dass die Grünen sich in solchen Fragen wirklich einig sind.
Nein, die etablierten Parteien haben die Themen des 21. Jahrhunderts eben noch nicht insgesamt erkannt! Aber darum geht es mir gar nicht. Ich habe immer noch die Hoffnung, dass die Piratenpartei das erreichen wird, woran die Grünen gescheitert sind. Nämlich Basisdemokratie alltagstauglich zu machen. Liquid Democracy z.B. finde ich 1000mal wichtiger als irgendein Wahlprogramm, dass dann nach der Wahl sowieso der Macht geopfert wird. Die generelle Analyse von Parteien ist sehr gut getroffen. Ich kann dies a) gut nachvollziehen (ich war jahrelang bei den Grünen aktiv und bin es seit rot-grün wenig bis gar nicht mehr) und b) komme ich zu einem ähnlichen Ergebnis, was die Frage der besten Organisationsform für die Durchsetzung von Partikulathemen angeht.
Warum ich die Piratenpartei zum jetzigen Zustand sehr spannend finde: Ich fand es immer wichtig, wenn eine Bewegung, in diesem Fall die Bürgerrechtsbewegung, von einem breiten Spektrum in der Bevölkerung getragen wird. Die Piratenpartei liefert einen großen Dienst an der Politisierung von Leuten, die bis dato ihre Unzufriedenheit oder ihre Wünsche/Forderungen nicht politisch formulieren konnten. Wenn z.B. führende Mitglieder die Piratenpartei sagen, sie hätten noch nie etwas von der Jungen Freiheit gehört, dann stimmt dies tatsächlich. Viele der mittlerweile 8.000 offiziellen Piraten haben sich vor Ihrer Piratenzeit nicht politisch engagiert - so jedenfalls mein persönlicher Eindruck, empirisch kann ich das nicht belegen. Der Vergleich zu den Grünen hinkt daher ein wenig. Damals hat sich eine aktive Bewegung (partei-)politisisiert. Bei den Piraten ist hingegen für viele der Einstieg bei den Piraten der erste Schritt zur politischen Tätigkeit. Hast Du die vielen Piraten auf der FSA-Demo gesehen? Das waren zum größten Teil keine alten Politik-Hasen. Und: Die Textqualität vieler Piraten-Kommentare bei kritischen Beiträgen zeigt vor allem eins: Hier sind keine Profis am Werk. Ich meine das positiv! Natürlich gibt es bei den Piraten auch politische Migranten von anderen Parteien. Natürlich ist mittelfristig absolut nicht sicher, ob es diese Partei überhaupt zu einer gesellschaftlichen Relevanz schafft und wohin das Ganze führt. Aber die Tatsache der Mobilisierung von Leuten zur Bürgerrechtsbewegung Datenschutz, Informationsfreiheit und Urheberrecht ist zuerst einmal meiner Meinung nach sehr zu begrüßen. Daher unterstütze ich dies. Ich begrüße ohnehin jede einzelne Seele, die politisiert wurde, genauso wie jede einzelne Stimme in der Öffentlichkeit zu den Themen, die mir am Herzen liegen. Was ich aber glaube, ist dass eine Partei die falsche Organisationsform für die Piraten ist.
Wenn Du selber früher Juso warst (wie ich GJ), dann weißt Du auch, wie das politische Engagement das eigene Leben verändert. Dass man Freunde in der Bewegung findet, dass man andere Freunde von seinen Sachen erzählt, Sie mitreißt, etc. Für viele, die jetzt bei den Piraten aktiv sind, ist die klassische Parteifom genau das richtige.
(bin übrigens auch attac Mitglied, allerdings passiv, ich verstehe genau, worauf Du hinaus willst - ich will Dir nur sagen, bei den Piraten geht es gerade um etwas Anderes) Hi Julian, ich schließe mich den Ausführungen von BohemianBerlin an. Deine Analyse ist klasse und auch ich seh in den Piraten (obwohl ich Parteimitglied bin) nicht als Vollwertige Partei. Aber sie haben die Chance eine zu werden. Sie besteht zum großteil aus Menschen die sich vorher noch nie Politisch oder Parteilich engagiert haben. Daher bin ich durchaus bereit "Anfängerfehler" zu verzeihen und auf die "Selbstregulierende Kraft der Transparenz" zu setzten.
Ein ganz gewichtiger Grund warum ich mich noch für die Piraten einsetze ist das Thema. Die Grundhaltung die hinter den wenigen Forderungen der Piraten stehen ist ein Menschen- , Bürger- und Demokratierfreundlichere als ich sie bei allen anderen Parteien erlebe. Und ganz ehrlich, ich glaube nicht die Bohne daran, das die Basis einer Partei irgendetwas an den Entscheidungen der Entscheider ändert. Eigentlich ist es gegenteilig. Ich fühl mich täglich mehr verarscht und für dumm verkauft. Ich habe die Hoffnung das ein Wahlerfolg der Piraten zu einem Umdenken anregt und das ihr Vorbild an transparenz und Kommunikationsfähigkeit auf die anderen Parteien abfärbt. Vielleicht kann man sich dann ja andere Parteien wieder anschauen. Derzeit seh ich von CDU bis Linke nur eine Haltung. Treibt die Wahlschafe mit Versprechungen vor die Urne und schlachtet sie später. Die Piraten sind auch ein Symbol, für all die menschen da draußen die einfach die Schnauze voll haben Verarscht zu werden. Und kaum jemand nimmt dieses Symbol ernst. Naja schauen wir mal, ich denke die Piraten werden mächtig unterschätzt. Aber was weiss ich schon LG Lindworm "Gegenöffentlichkeit und Lobbydruck von der Straße könnten viel mehr ausrichten,"
Wer will genau daeran noch glauben, wenn sogar große Petitionen achtlos weggewischt werden, bzw. ihre Anhänger eben mal als schwer pädokriminell diffamiert. Die Straße wird im Moment massiv überhört und das ist einer der Gründe für den Wachstum der Piratenpartei. Ich finde die Aufrufe das Parteigründen zu lassen und sich doch bitte zurück in die Bedeutungslosigkeit zu begeben - ohne über Los/die Bundestagswahl zu gehen - doch eher merkwürdig. Zunächst einmal: Eine gute Analyse, die im Kern viel Wahres enthält.
Vor allem der Punkt der "Einigkeit" überzeugt mich schon - Kann ja sein, dass sich im Punkt Datenschutz alle einig sind, dass sind im Punkt "Atomkraftwerke" NPD und Linke aber auch. Dennoch wähle ich die Piraten. Zum Einen, um genau den öffentlichen Druck mitzuerzeugen, den du der Piratenpartei absprichst. Denn gerade als NGO hat sie deutlich weniger Gewicht bei den Parteien, als sie es als Konkurrenz haben kann. Dabei, das muss ich zugeben, geht es mir in erster linie um die Sache. Ein Großteil der Ideen, die die PP vorbringt, verdient meine volle Unterstützung. Und sofern die PP es schafft, mit genau diesen Argumenten drei, vier, vllt. sogar fünf Prozent zu bekommen, dann sehen die Etablierten, welche Bedeutung diesen Punkten zukommt. Du magst jetzt einwenden, dass CDU, SPD und andere diese Punkte bereits behandeln - wie du es ja ganz richtig schriebt. Frage ist nur: WIE behandeln sie sie? Ich bin mir sicher, dass die Perspektiven von Menschen, die mit dem Internet wenig bis gar nichts zu tun haben, von denen eines Piraten abweichen. Und aus diesem Grunde helfe ich, die Positionen der Partei zu stärken. Selbst, wenn sie jettz einmalig fünf Prozent erreichen und danach untergehen, weil die anderen Parteien sich der Thematik annehmen - selbiger ist damit gedient. (Abgesehen davon, dass frischer Wind in der Politik generell nicht schaden kann.) Diese Argumentation kann ich nachvollziehen. Till hat dazu einige lesenswertes geschrieben:
http://blog.till-westermayer.de/index.php/2009/06/23/selbstverstandlichkeiten-oder-unter-welchen-bedingungen-sollten-anhangerinnen-der-piraten-die-piraten-wahlen/ Add Comment
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