Schon einige Monate vor der Wahl las ich "Alpha Dogs", ein Buch des Times-Redakteurs James Harding, der schon während der Präsidentschaftswahl 2004 über die Hintergründe solcher Männer wie Bush-Berater Karl Rove recherchierte.
Heraus kam die Geschichte von Sawyer Miller, einer New Yorker Beratungsfirma, die in den 80er Jahren das politische Geschehen von den Philippinen über Südamerika bis nach Washington beeinflusste. Ehemalige Mitarbeiter sind bis heute wichtige Berater überall in der Welt und haben Gerhard Schröder und Tony Blair genauso beraten wie Jelzin, Berlusconi, den Dalai Lama und Kim Dae Jung in Südkorea. Das Buch dreht sich um die Professionalisierung von Politik und die politische Nutzung von Medien. Über Fokusgruppen und durchdachte Medienkampagnen, perfekt ausgedacht vom ehemaligen Werbetexter Scott Miller ("Have a Coke and a Smile") und dem Oscar-Prämierten Dokumentarfilmer David Sawyer.
Nun hatte ich ein klein wenig mehr... Sensation... erwartet in diesem Buch. Irgendwie blieb mir die große Enthüllung versagt, vielleicht auch weil es einfach keine solche gibt. Statt dessen werden interessante Geschichten von Wahlkämpfen und politischen Kampagnen erzählt. Es wird deutlich, was das Fernsehen für eine Revolution in der politischen Landschaft auslöste, und warum jene, die das zuerst erkannten, auch erfolgreich waren.
Anhand von Alberto Fujimori wird erzählt, was Momentum in einem Wahlkampf auslösen kann, und warum ein unbekannter japanischer Einwanderer binnen Wochen dem Autor Mario Vargas Llosa den schon sicher geglaubten Wahlsieg entreißen konnte.
Dabei kam "Alpha Dogs" je nach Sichtweise zu spät oder gerade recht: Rechtzeitig zum Präsidentschaftswahlkampf veröffentlicht reicht das Buch zur Analyse des Wahlkampfes gerade einmal beim auch in dieser hinsicht konservativen John McCain. Nicht nur hat Obama mit seinem Internetwahlkampf Maßstäbe gesetzt, und sogar auf Werbung in Computerspielen zurück gegriffen, seine ganze Kampagne unterscheidet sich deutlich von dem seit den frühen 80ern so praktizierten Fokusgruppenmuster.
Nils Minkmar schreibt in der Faz, Barack Obamas Wahlkampf sei
Endlich Erwachsen.
Es ist aber nicht nur das Erwachsenwerden. Es ist das Entwachsen aus dem Fernsehzeitalter, aus der monopolisierten Medienwelt, in der sich nur weniger Massenkanäle bedient werden konnte. Und es ist das Ende von Fokusgruppen und "going negative". All das, was in besagtem Buch so ausführlich erklärt wurde.
James Harding hat also mit Alpha Dogs - wahrscheinlich recht unabsichtlich - einen Rückblick auf eine gerade zuende gegangene Epoche geschrieben. Er hat just in dem Moment veröffentlicht, als all das, was er beschreibt, obsolet wurde. Passender konnte der Zeitpunkt nicht sein.
Bleibt die Frage, ob nun eine neue Generation von Wahlkämpfern die Welt bereisen wird. Eine Generation, die einmal mehr erklärt, wie man moderne politische Kampagnenarbeit macht. Mit Twitter und Facebook, mit einer geraden Linie und eigenen Ideen. Vielleicht bleibt es aber auch bei "dem einen". Immerhin hatte auch
Hillary Clinton mit Mark Penn einen Pollster der alten Schule, der mit der Erfindung des Wortes "Soccer Mom" seinen ganz eigenen Beitrag zur Fokusgruppenbestimmung hatte.