Jeder, der in Karlsruhe irgendwann einmal in einer IT-Klitsche gearbeitet hat, oder jemanden kennt der dort gearbeitet hat, wird wissen worum es geht, für alle anderen ganz kurz: web.de wurde letztes Jahr an 1&1 verkauft, die Gründer haben mit combots ein neues Produkt auf die Beine gestellt, das war alles sehr geheim und wurde heute vorgestellt.
Und weil auch ich jemanden bin der jemanden kennt, hatte ich die Gelegenheit, dieser Vorstellung beizuwohnen.
Nun kann man ja pauschale Regeln aufstellen, zum Beispiel die, dass eine Produktvorstellung die zu viel Vorspann hat eigentlich nur enttäuschen kann...
Natürlich sind diese Pauschalisierungen Blödsinn, aber in diesem Fall gar nicht so schlecht:
Eine Einführung in die Geschichte der modernen Kommunikation, ein Fernsehmoderator der zusammen mit dem Firmengründer einen Haufen Geschichten erzählt und erklärt, warum heutige Kommunikation in Wort, Ton und Bild zu komplex ist und was sonst noch alles stört. Und nachdem über eine halbe Stunde langweiligen Entertainments vorbei ist, gibt es einen Knall und es wird noch mehr gefloskelt.
Es ist schon sehr spät in dieser einen Stunde der Präsentation, als endlich klar wird, was Combots eigentlich kann und ist: Ein Desktopicon das einen User über ein riesiges, zentralisiertes Rechenzentrum mit einem anderen Verbindet. Nur die besten persönlichen Kontakte soll man auf dem Desktop haben, mit denen dann aber Daten tauschen, Telefonieren, Texte schrieben oder "emotional und textlos kommunzieren" soll.
Einfache Menüführung, keinerlei Einstellungen, soweit so gut.
Nur: Wenn ich also meinen Desktop nicht mit Icons vollpflastern will (und meine fast 250 Kontakte in meinem Instant Messenger plus x weitere non-messenger-Kontakte via Mail und Telefon würden viele Icons produzieren) brauche ich wieder mehrere Clients. Einen für Skype der quasi eh alles erschlägt was Combots kann (bis auf diesen emotionalen kram und den Dateiaustausch aber dazu mehr), einen Instant Messenger für die restlichen Leute und einen Mailclient.
Ich vereinfache also nicht meinen Programmwust, ich erweitere ihn.
Zudem macht Combots keinen Unterschied mehr zwischen Instant Messaging und E-Mail. Begründung "Email ist offline, IM ist direkte online-kommunikation". Das ist Blödsinn weil beispielsweise ICQ schon 1998 offline messaging beherrscht hat und zum anderen weil ich Mails bewußt für längere Nachrichten, Archivierung und Kommunikation mit mehreren Menschen benötige und nutze.
Auch kann Combots zwar, angeblich in CD-Qualität, telefonieren, allerdings nur mit Combots-Usern und auch nur mit denen deren Kontakt ich habe. Diesen Kontakt kann ich aber nicht, wie sonst üblich, auf meine Visitenkarte schreiben sondern muss ich persönlich herstellen, via eines anderen Mediums. Das heißt auch, dass ich trotzdem meine anderen Clients brauche, auch kein Gewinn.
Bleibt der Dateitausch der zwar ganz nett ist - auf der anderen Seite macht aber die zentralisierte Struktur das ganze System extrem angreifbar. Vertrauliche Daten die auf einem Server ausserhalb meines direkten Zugriffes lagern sind mir möglicherweise unangenehm, zumal ich die Software nicht kenne und nicht beurteilen kann wie angreifbar sie eventuell ist. Zudem ist eine zentralisierte Infrastruktur natürlich anfällig für alle möglichen Probleme, mir fällt da der Klimaanlagen-Ausfall im gleichen Gebäude im letzten Jahr ein, der zu einem herunterfahren des web.de-Rechenzentrums führte.
Richtig schockierend fand ich aber das Geschäftsmodell. Zum einen diese Emotionale Kommunikation. Genauer: Kleine Bildchen und Animationen. Herzchen, Avatare etc. Die kann man benutzen und wenn man alle mal benutzt hat kann man die auch nachkaufen, für 99 Cent oder 1,49 je nachdem.
Ich rekapituliere: Ich habe auf meinem Desktop also ca. 5 Icons, mit denen ich mit meiner Freundin, meiner Mutter, meinem besten Kumpel, meinem Chef und meiner Schwester chatten und telefonieren kann. Nach ca. 2 Tagen habe ich alle komischen Animationen ausprobiert und bin damit allen auf die Nerven gefallen. Ob ich das alles auch abstellen kann, weiß cih momentan nicht, ich hoffe aber sehr, denn spätestens nach 3 Tagen bekomme ich regelrechen Hass auf Maskottchen Heidi und ihre Freunde.
Zielgruppe sind also maximal Teenager die jetzt schon Geld für Mobiltelefonbilchen ausgeben, das aber auch schon nicht mehr so viel tun, weil der Trend vorbei ist.
Der andere Teil des Geschäftsmodells ist die Hoffnung, dass Millionen User einen entsprechenden Betrag bezahlen. Freiwillig. Die Millionen User braucht es auch, denn bei momentan geschätzten Kosten von 25 Mio euro pro Jahr und 2 Euro im Monat benötigt es etwas mehr als eine Million zahlende Kunden, um den Betrieb auf lange Sicht aufrecht zu halten. Eine Million bezahlkunden wird mindestens die fünffache Menge an nichtzahlenden Kunden benötigen. Und 5 Mio Kunden lassen sich wahrscheinlich nicht mit der gleichen Infrastruktur betreiben, es werden also mehr als die 25 Mio Euro an Ausgaben fällig werden. vielleicht auch nicht, bleiben eine Million Menschen, die Combots bezahlen wollen dafür dass die Software es ihnen ein wenig vereinfacht, mit ein paar wenigen Menschen ungehinderter zu Kommunizieren als mit anderen.
Ob es Clients für Mac OS X oder Linux gibt frage ich da gar nicht erst - aber immerhin waren die Häppchen danach lecker.