Klar, über die Situation im Iran liest man gelegentlich etwas. Und wer Blogs liest oder sich in bestimmten Bürgerrechts- oder Meinungsfreiheits-Kreisen auskennt, der hat auch schon über die Situation der Blogger dort gelesen.
Mir war der direkte Zugang leider bisher nie aufgemacht worden. Ich wußte Bescheid, fand das Thema sehr interessant, aber mehr eben nicht.
Das sollte sich nun ändern, und hoffentlich nicht nur für mich: Bei
Kiepenheuer & Witsch ist soeben "Wir sind der Iran" erschienen. Ein Buch über die persische Weblog-Szene von Nasreen Alavi, einer Exil-Iranerin. (
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In einer faszinierenden Mischung aus übersetzten Blogeinträgen und Erklärungen gibt es einen wirklich faszinierenden Einblick in eine Gesellschaft, die von 25 Jahren Unterdrückung frustriert und von sogenannten Reformern enttäuscht ist.
Wirklich beeindruckend dabei ist die Radikalität, mit der manche Blogeinträge geschrieben werden. Während hierzulande möglichst penibel darauf geachtet wird, angebliche religiöse Gefühle nicht zu verletzen, könnten manche der Einträge drastischer nicht mehr sein - aber auch die Fakten in dem Buch sprechen für sich: nur ca. 15 % der Iraner unterstützen das Regime wirklich, über 70% wählten seinerzeit den selbsternannten Reformer Chatami, nur um von ihm enttäuscht zu werden.
Während die meisten Jugendlichen satt von Hisbollah und Basij (der Geheimpolizei) und ihren Methoden sind, gehen lediglich noch 14% der iranischen Muslime regelmäßig zum Freitagsgebet - hinter aufgezwungenem Kopftuch und Verboten in der Öffentlichkeit verbirgt sich eine Jugend, die 70% der Bevölkerung ausmacht und einen möglichst westlichen Lebensstil anstrebt. Oder, um es mit den Worten von lbahram (blog leider in persisch) auszudrücken: "Wenn man mehr als 20 Jahre über seine Religion spricht werden insbesondere ihre Probleme deutlich".
Und so behandelt "Wir sind der Iran" fast alle aktuellen Themen - von Demokratie (und der Vereinbarkeit mit dem Islam) über inhaftierte Dissidenten (Studenten, Journalisten und sogar Geistliche), von der Geschichte der letzten 100 Jahre, dem Verhältnis der Bürger zu den USA (das nicht etwa wegen anti-islamischer Aktivitäten, sondern vielmehr wegen dem anti-demokratischen Putsch von 1953 so schlecht ist) und von Menschen- und insbesondere Frauenrechten.
Alles in allem ist das Buch ein faszinierendes Dokument dieser Zeit und erzählt zwar durchaus politisch gefärbt aber keineswegs einseitig von zwei völlig verschiedenen Welten im gleichen Land: einer verschleierten und unterdrückten Öffentlichkeit und einer Parallelwelt in Weblog-Form, die offener nicht sein könnte und von Demokratie, Liebe, Popstars und Freiheit erzählt.
9,90 Eur die nicht besser angelegt sein könnten, und zumindest mich dazu bewegt haben, mehr über dieses Land und diese Szene zu wissen - und auch zu schreiben, demnächst in diesem Blog.