Es ist ein recht normaler Tag in Nablus, Westjordanland. Said und Khaled reparieren Autos, rauchen nach der Arbeit Wasserpfeife. Bahnt sich dort eine kleine Liebesgeschichte zwischen Said und der sehr westlich anmutenden, in Paris geborenen Suha an? Noch eben etwas essen, eine kleine, pseudopolitische Diskussion um Kollaborateure und die Schwedische Königin. Als der Abend herein bricht, trifft Said auf Jamal, seinen "Lehrer", der ihm erzählt, morgen sei sein Tag, in den Einsatz zu gehen.
Natürlich ist klar, was mit dem Einsatz gemeint ist - wer diesen Film sehen will, der ist sich von Anfang an bewußt, dass es sich um zwei Selbstmordattentäter handelt. Dieser radikale Bruch mit der der Normalität kommt dennoch unerwartet. Und so beginnt eine immense Anspannung. Die Zweifel des sich gerade verliebenden Said, der um vier uhr in der Früh noch einmal Suha aufsucht, um ihre Autoschlüssel vor der Tür zu deponieren, die Fragen, die er sich selbst stellt; und die wie in die Stimmbänder eingemeißelt wirkenden Propagandasätze, immer und immer wieder all denjenigen eingetrichtert, die verzweifelt sind, in ihrer Situation keinen Ausweg sehen.
Ja, Paradise Now schafft es, einen massiven inneren Zwist auszulösen, sogar Sympathie für diejenigen zu erregen, die kurz davor sind, unschuldige Menschen zu töten. Und er schafft es, die Sympathie noch zu steigern. Durch zweifel, die mit repetitiven Phrasen ausgeräumt werden beispielsweise.
Als der Grenzübertritt fehl schlägt, und Said dennoch versucht, sein Ziel zu vollführen, als er vor einem kleinen Kind halt macht - ein anderes Beispiel.
Erst spät wird auch dem Zuschauer vermittelt "was da passiert ist Falsch - lässt nur die Gewaltspirale weiter drehen" - es fällt der Satz "Allah lehrt uns auch, noch einmal nachzudenken".
Propaganda ist einseitig, konsequent bis zum Schluss. "Paradise Now" hingegen ist neutral, in seiner Konsequenz aber nicht verschieden. Er erzählt in einer bedrückenden Direktheit eine Geschichte von zwei jungen Menschen, die in ihrer Situation keinen Ausweg als den Märtyrertod sehen. Und er erzählt von einem Umfeld, dass veruscht, Alternativen aufzubringen. Von Angst, Zweifel, Rache und Verzweiflung - und dafür lohnt sich der Kinobesuch, auch wenn es der schwerste sein wird, den man dieses Jahr machen kann.
Um irgendwie gearteten politischen Diskussionen vorzubeugen: die Sprengkraft (sic!) dieses Films ist mir durchaus bewußt und es bedarf eines sehr reifen Geistes, um diesen Film auch mit genügend Distanz sehen und bewerten zu können. Ich widerspreche deutlich, bestrebungen diesen Film in Schulen zu zeigen, ich widerspreche aber auch all denjenigen, die sich anmaßen, ein stück Kunst verbieten zu wollen, auch wenn es für manche Menschen bis zur unerträglichkeit provokant sein mag.