Höflichkeit

Ich bin mit einem moderat antiautoritären Reflex ausgestattet. Ich kann mich also vor Polizisten ausreichend benehmen, um auch mal einem Strafzettel zu entgehen, kenne aber meine Rechte und insbesondere vor privaten Sicherheitsleuten pflege ich es, diese auch wahren zu wollen. 
So geschehen kürzlich vor dem Alsterhaus in Hamburg Ein Edel-Kaufhaus, in das ich nur gehe, um mich mit hochklassiger Schokolade einzudecken oder über Absurditäten wie goldgefiltertes Mineralwasser für 20 Euro pro Liter zu lachen. 
Ich stellte also mein Fahrrad vor dem Haus ab und war gerade dabei, diese Sache mit dem Schlüssel und dem Schloss zu machen, als ein Sicherheitsmensch aus dem Haus kam. “Entschuldigen Sie, können Sie vielleicht das Fahrrad woanders hinstellem?”, fragte dieser und prompt sprang mein oben genannter Reflex an. 
Ich mag es nämlich überhaupt nicht, wenn mir auf öffentlichem Gelände von Vertretern privater Institutionen gesagt wird, was ich denn bitte unterlassen soll. Öffentlicher Raum ist auch der meinige. Ich darf hier mein Fahrrad abstellen wo ich will, solange die Straßenverkehrsordnung es zulässt. Und so sagte ich “Nein, das möchte ich nicht”. Denn so ging es mir. Ich wollte nur kurz nach Sonderangeboten in der Edelschokoladenabteilung gucken und es hätte mich noch einmal mindestens sechzig Sekunden gekostet, das Rad wieder aufzuschließen, zehn Meter weiter zu schieben, und wieder anzuschließen. Zumindest für die Tatsache, dass ich ja nur der von ihm ausgeübten Autorität gehorchen würde, also viel zu viel Aufwand. “Aber das steht vor dem Schaufenster”, entgegnete der Mann. Ja verdammt. Als ob ich dafür zuständig bin, dass ihr eure Scheiss Geschäfte machen könnt. Das kann es doch echt nicht sein! “Das ist ein öffentlicher Platz”, begründete ich also meine Entscheidung, der Forderung nicht zu entsprechen.
Ich fühlte mich gut auf einen weiteren Konflikt vorbereitet. Auch ich war höflich geblieben und hatte meine Argumente sachlich dargelegt. Sollte er doch anfangen, unsinnige Regeln zu erfinden! “Okay”, sagte er und ließ mich verdutzt dastehen. Mehrere Sekunden. Ich überlegte. Das konnte er jetzt doch nicht ernsthaft bringen, oder? Abwarten bis ich reingehe und dann mein Fahrrad wegstellen? Mich am Betreten des Kaufhauses hindern? Ich wollte es wissen. Fragte “Wie, okay? Sie wollen doch sicher gleich das Rad selbst wegstellen”. Der Plan des Sicherheitsmannes war aber perfider. Er sagte einfach “Nein, natürlich nicht. Ich wünsche Ihnen einen schönen Einkauf.”
Verdammt. So kalt hat mich noch nie jemand erwischt. Das saß mir nach. Er hatte mich tatsächlich einfach höflichst darum gebeten, das Rad wegzustellen, weil ich ihm und seinem Hause eine Unannehmlichkeit bereitete und als ich diesem Wunsche nicht entsprechen wollte, hatte er dies selbstverständlich als Kundenbegehr angenommen und mir einen schönen Aufenthalt gewünscht. Damit kam ich nicht klar. Ich lief ungefähr drei mal durch die Schokoladenregale, fand nichts passendes und verließ das Haus wieder. Auf dem Weg hinaus ging ich noch einmal zu ihm. “Entschuldigen Sie, ich war vorhin unhöflich, das tut mir leid.” 
Geschlagen von einem Sicherheitsmann mit einer Waffe, die in seiner Zunft höchstselten angewendet wird.