Warum die Krautreporter scheitern müssen

Man kann über die Krautreporter sagen, was man will: mangelnde Ambition ist der falsche Vorwurf. Und doch, oder auch gerade deshalb, bin ich mittlerweile der Meinung, dass das Projekt scheitern muss. Nicht, dass ich von der Idee nichts halte, im Gegenteil. Aber jetzt nochmal Abstand, in ruhe Nachdenken, dann Reboot.
Aber von vorne: Die Krauterporter sind eine Gruppe von journalistsch arbeitenden Menschen, die gerne hätten, dass 15000 Menschen jeweils 60 Euro im Jahr bezahlen, um unabhängigen Journalismus zu fördern. Doch schon der Start war ungemein holprig und so ging es eigentlich auch immer weiter. Zu viele weiße Männer, die alles andere als Diversität vermuten ließen am Anfang, halbgare bis lahme Reportageideen in der Mitte, eine sehr seltsame Episode über Unklarheiten zur Rechtsform zwischendurch und nun ein Endspurt, der bisweilen (wenn auch nicht unbedingt von den Protagonisten) in einer Penetranz propagiert wird, die nur schwer zu ertragen ist.
Und darin liegt auch das Problem: Es reicht nicht, das Herz am richtigen Fleck zu haben und dem Verlagsestablishment etwas beweisen zu wollen. Es genügt auch nicht, erstmal ein bisschen Kohle einzusammeln und dann zu gucken, was man damit denn schönes an Journalismus machen kann. Es geht eben nicht nur darum zu zeigen “Hier, wenn wir ein paar Leuten die gut schreiben und recherchieren können Geld geben, dann kommt etwas dabei rum”. Es geht darum zu sagen “wir können das auch ohne Verleger, Chefredaktionsapparat und tote Menschen als Herausgeber”. Niemand braucht ein Produkt, was so ungefähr an die Zeit oder die FAZ heranreicht, das muss auf Augenhöhe sein, mit Qualität überflügeln, mit neuen Ideen inspirieren. Und das alles tun die Krautreporter nicht einmal ansatzweise, zumindest sehe ich keinen Willen zur Exzellenz.
Genau deshalb muss das Projekt scheitern. Weil sonst all jene, die der “Netzgemeinde” selbstreferenzialität und Belanglosigkeit vorwerfen in genau all ihren Argumenten bestätigt werden können. Niemand möchte, dass es heisst “Die Netzgemeinde fundet halt jeden Scheiss, solang er aus der eigenen Suppe kommt”. Also Reboot bitte.

Anmerkung: Ich arbeite zwar für ein Verlagshaus, dessen Angebot steht aber in keinerlei Konkurrenzverhältnis zu den Krautreportern.

Fahrradklingel-Usability

Vor etwa einem Jahr habe ich mich für den Kickstarter des “Orp Smart Horn” begeistert, ihn unterstützt, eine Fahrradklingel bestellt. Nun ist das “Orp Smart Horn” keine normale Fahrradklingel, schließlich trägt es den Namen “Smart”. Und ist das Ding elektronisch getrieben, lässt sich per USB laden, hat eine Lampe und zwei Klingelmodi. Die Lampe hat viele Lumen aber keine Fokussierung, sie schafft es also nicht den Weg auszuleuchten sondern eignet sich lediglich zur Positionsbestimmung, aber der eigentliche Clou sind ja die Klingelmodi. Drückt man den flexiblen Hebel leicht, so bimmelt das Smart Horn nur ganz sachte, um Fußgänger darauf aufmerksam zu machen, dass sie gerade den Radweg bevölkern zum Beispiel. Droht Gefahr, kann man den Hebel stark drücken. Dann trötet das Smart Horn in 95 Dezibel und blinkt wild herum, so dass auch Autofahrer mitbekommen, dass etwas nicht stimmt. Soweit so cool, so überzeugend, so die Theorie.
In Wirklichkeit haben wir uns über Jahre hinweg an ein typisches Bimmeln gewöhnt. Das kann ein “Ping” sein wie bei eher modernen Fahrradklingeln oder ein “Drrring!” wie bei den alten. Auf keinen Fall aber ist es elektronisch erzeugt und klingt nach einem wildgewordenen SMS-Ton oder etwas, woraufhin man sein Mobiltelefon snoozen lassen möchte.
Oder anders gesagt: Niemand auf der Straße bewegt sich auch nur einen Zentimeter, wenn man das Orp Smart Horn erschallen lässt. Da könnte auch ein Vogel krähen, ein Kind schreien, ein Schuss fallen. Und das ist eben das Problem mit Usability, die sich an mehrere Seiten richtet. Ich finde das Teil cool. Ich kann es einfach bedienen, installieren, nutzen. Aber mein Gegenüber, also die Fußgängerin, die Autofahrerin, die hat davon nichts.
Ob das in diesem Fall vermeidbar gewesen wäre? Immerhin musste das Horn erstmal gebaut werden, um einen solchen Fehler festzustellen. In vielen Produkten ist aber genau das schon vorprogrammiert. Es wird gebaut, was die Entwickler und Designer toll finden, es wird getestet an Gruppen ihresgleichen, mit features vollgeladen, die längst nicht alle verstehen und generell so getan, als sei das was man selbst gut findet der Maßstab für die Welt. Und das ist, warum es Diversität braucht, allenorten. Aber das ist eine andere Geschichte und hat nur bedingt mit dieser Fahrradklingel zu tun.