Frankreich

Und dann hörte ich diesen wundervollen Podcast, in dem es um die Deutsch-Französischen Beziehungen ging. Und machte mir so ein bisschen Gedanken. Tags darauf traf ich meinen ältesten Freund L. mit dem ich bereits in der Schule war. Wir sprachen über Städte und er sagte mir “Ich war kürzlich in Straßburg. Was für eine coole und wunderbare Stadt? Früher ist uns das nie aufgefallen, da sind wir halt mal in ein Konzert in die Laiterie, aber das war’s.”
Und tatsächlich: Wir sind eine Radtour weit weg von Straßburg aufgewachsen. An guten Tagen konnte man vom Schlafzimmer meiner Eltern aus die Spitze des Münsters sehen. Und doch war Frankreich abstrakt, weit weg, vor allem aber “nicht erstrebenswert”.
Es ist nicht so, dass mir das Französische nicht permanent nahe gebracht wurde: Wir hatten französische Nachbarn, es gab schon in der Grundschule ersten Unterricht. Ausflüge ins Elsass, überall Flammkuchen, Einkaufstouren zu Carrefour oder Super-U. Es gab das Feuerwerk auf der Europabrücke in Kehl, Lampionfahrten mit Kanus durch die Kanäle der Stadt, Städte- und Dorfpartnerschaften. Nirgends konnte, wurde, musste die Deutsch-Französische Freundschaft so gelebt werden, wie am Oberrhein.
Und doch, da stimmte etwas nicht. Schon ganz von anfang an. Frankreich, das war nah aber niemals cool. Klar hat man uns in der Grundschule die Sprache beigebracht, aber schon die Einstellung des Lehrers vermittelte das Gegenteil von Begeisterung. Im Gymnasium ging ich dann in die Lateinklasse. Die war übrigens genauso groß wie jene, in der man Französisch als erste Fremdsprache lernte. Insgesamt 50 Leute. Englisch? 130.
Das System sah dann in der neunten Klasse eine dritte Sprache vor. Ein viertel meiner Klassenkameradinnen wählte Griechisch. Der Rest hatte eher gemäßigte lust. Cool war es, seine schlechten Noten nach außen zu tragen. Als wir in einem Vokabeltest unsere allererste Sechs ever bekamen, gab es eine Klassenkonferenz, weil wir es gefeiert hatten wie so ein paar dämliche Weltkriegssoldaten die alles tun, sich aber bloß nicht ergeben wollten.
Klar: Es gab auch die offenen Ressentiments. Wackes wurden sie genannt, die Elsässer, ein altes Wort das in deren Dialekt “Strolch” oder “Lump” bedeutet und deren Benutzung auf den Deutsch-Französischen Krieg zurück geht.
Nun kam ich gar nicht aus Baden, sondern bin dort aufgewachsen. Ich hatte auch nie etwas gegen Frankreich, Franzosen, Elsässer oder ähnliches (bis auf das Elsässische. Was für ein grausliger Dialekt!). Aber es war einfacher, sich anzupassen und das alles ebenfalls uncool zu finden. Richtig gut französisch zu lernen, einen Schüleraustausch zu machen, über ein Studium dort nachzudenken, das hätte Rebellion bedeutet. Rebellion gegen ein Umfeld, das sich auch 35 Jahre nach De Gaulles Rede an die Deutsche Jugendimmer noch zu fein war, Interesse zu zeigen.
Und so kam es, dass wir zwar zu Konzerten fuhren, aber nie in die Ausgehviertel. Dass wir uns des Wochenends in den Zug nach Karlsruhe setzten, statt mal zu schauen, wie die Leute in den alternativen Vierteln Straßburgs so drauf sind.
In meinem Abi-Jahrgang waren 220 Menschen. Niemand davon hat sich an der Universität Straßburg eingeschrieben. Und irgend etwas sagt mir: auch anderthalb Dekaden später wird es nicht anders sein, in fernen Bundesländern finden junge Menschen Frankreich viel toller, als in der direkten Nachbarschaft. Im Rheingraben ist noch viel zu tun.

Update: Eine ehemalige Mitschülerin weist mich darauf hin, dass es zwei Französischklassen gab und sehr wohl einige Menschen (unter anderem sie), die eine Affinität zu Frankreich und der Sprache hatten. Den Post in seiner Absolutheit muss ich also zurücknehmen, was bleibt ist aber der Eindruck, dass es bei der überwiegenden Mehrheit genauso war wie von mir wahrgenommen (und von anderen bestätigt)

Konferenzblues

Da stehst du rum, mitten im Hof, im Foyer, vielleicht sitzt du auch, allein bei diesem Vortrag. Dir ist schon seit vorhin alles zu viel und es ist ja eigentlich noch nicht mal Tag 1 rum. Die anderen, die haben Spaß, finden neue Freunde, aber du bist nicht dabei. Die drei, mit denen du vorhin dieses lustige Gespräch hattest sind jetzt ohne dich Essen gegangen. Auf Twitter läuft dieser running Gag, von dem du nur erahnen kannst, wie er zustande kommt. Du bist einsam. Mitten auf einer Konferenz mit vielen tausend Menschen?

Vermutlich geht es allen so. Auf dem Chaos Communication Congress, auf der Re:Publica, auf all den anderen tollen Konferenzen mit Community-Charakter. Und wem es nicht so geht, der hat entweder einen wahnsinnig tollen Selfcare-Mechanismus, eine ungesunde Ignoranz gegenüber sozialen Interaktionen oder kein Interesse an den Leuten. Oder aber Überforderung, dann kommt der Blues erst später. Man kann durchaus drei Tage im sozialen Vollrausch über eine Konferenz rennen, sich selbst komplett ignorieren und dann nach dem letzten Besäufnis im Kater danach hart crashen. Ist aber auch ungesund.

Konferenzen, das ist drei Tage vollkommener Alarmzustand. Drölfzig Leute, von denen vorher nur der Nickname bekannt war, wenn überhaupt. Alkohol, wenig Schlaf, ein bisschen Input und dazu “tolle Gespräche”. Aber viel zu oft sind genau diese eben getränkt mit guter Laune und fragen mehr “Was machst du so” statt “wie geht es dir”. Und dann machen die einen einen Vortrag und du hattest dieses Jahr wieder keine Idee, oder deiner lief nicht so gut, war schlechter besucht und überhaupt: Eigentlich fandest du deine Inhalte viel zu wenig auf den Punkt, ausserdem hast du jetzt schon X mal Leute von anderen Vorträgen reden hören und nur so selten von deinem.

Und dann gibt’s da eine Presseanfrage aber nicht an dich, die beiden Leute, mit denen du vorhin noch rumgehangen bist, knutschen jetzt miteinander. Du stehst in dieser Gruppe von Leuten, die du im Internet total klasse findest und fragst dich, ob du genauso dazu gehörst wie die anderen. Langsam wirst du immer betrunkener, lachst und machst Sprüche aber innerlich fragst du dich, warum du immer noch nichts gegessen hast, während bei Foursquare gerade Leute in einem Restaurant einchecken, ohne dich gefragt zu haben. Warum eigentlich nicht? Hast du was falsch gemacht? Kam der Witz, den du vorhin versucht hast zu reissen. vielleicht nicht so gut an? Bist du nervig? Langweilig?

Nichts davon. Du bist damit garantiert nicht alleine und alle sind überlastet. Soziale Strukturen entstehen und gehen spontan. Egal wie beliebt du bist, wie eng du mit deinen Freunden rumhängst: Im Zweifelsfall wirst du auch mal vergessen werden. Und im Zweifelsfall ist das Okay, weil eine Viertelstunde später bist du mit anderen Leuten zum Essen und der oder die nächste fragt sich: “Und was ist mit mir?” Nur das kriegst du nicht mit. Du hast ja ja nicht gefragt, wie es geht. Dich hat ja auch niemand gefragt. Aber Gratulation zum neuen Job!

Das Wochenende

Wie das Wochenende gewesen sei, wird man oft gefragt. Nun, da gibt es ja verschiedene Betrachtungsweisen. Finanziell zum Beispiel war das Wochenende mit Gewinnen und Verlusten: Zum einen habe ich ein iPhone-Kabel und eine sehr teure Regenjacke im Zug liegen lassen, also minus 400 Euro. Zum anderen habe ich für eine Kostümparty eine Jeans angezogen, die seit vier Jahren im Schrank lag. Darin: zehn Euro. Gewinn! Neutral fallen da Einkäufe ins Gewicht. Klar, Geld losgeworden aber eben auch was dafür bekommen.

Was die Erlebnisse angeht auch so eine Gewinn/Verlustsache: Donnerstag Gewinn, weil lustige Mai-Parade mit anschließender Hausbesetzung, der ich zwar nicht Teilgenommen habe aber immerhin aktiver Zeuge war. (So mit Twitter-Berichterstattung). Freitag dann auch ganz OK mit Höhen und Tiefen (vor allem der Jackentiefe) der Samstag dann ein ganzes Stück vergeudet weil entschieden, doch nochmal zuhause nach zu gucken ob die Jacke nicht da liegt, anschließend dann Berlin. Da wiederum: Klamotten einkaufen (sehr positiv), anschließend Kostümparty (ebenfalls toll). Heute dann Kater, vom Erlebnisfaktor also nicht ganz so prima.

Dann: Menschen. Tolle Menschen bei der Parade, tolle Menschen bei den Parties, tolle Einkaufshelferin, toller Zugführer der mich im vollen Zug erste Klasse fahren ließ, tolle Gespräche bei Burger und Pommes. Andererseits andere Party verpasst, wo auch tolle Menschen waren. Und Sonntag zu viel Kater gehabt, um weitere Menschen zu sehen.

Insgesamt also gut. Egal bei welcher Betrachtungsweise.