Wochenenderkenntnisse

Dass am Wochenende rausgegangen werden muss ist ja eigentlich auch ein schlechter Mythos. Andererseits aber ist es viel einfacher zuhause zu bleiben und nichts zu tun, wenn die Möglichkeiten da sind. Willst du selbst unbedingt noch in nen Club aber niemand kommt mit ist es auch unschön. Dafür sind dann Wochenenden an denen man sich einschließt und nichts tut auch ganz entspannt. Und auch interessant dass putzen eigentlich spaß macht, wenn man es nämlich gar nicht muss. Durch Putzen kann man auch prima Dinge prokrastinieren, die man eigentlich tun wollte. Zum Beispiel für die Woche vorkochen.
Überhaupt muss ich mal kurz dem ereignislosen Wochenende huldigen, denn es kommt in dieser Form bei mir maximal quartalsweise vor. Meist stopfe ich es bis oben hin voll, fahre nach Berlin oder woanders hin, komme Sonntag abends wieder und fange schon im Zug an, wild Leute anzuschreiben ob denn noch ein Bierchen drin wäre, als seien meine eigenen vier Wände ein Luftschutzbunker in den man nur im Notfall einzieht. Dabei ist meine Aussicht nun deutlich besser, seit ich die Fenster gereinigt habe. Nun fehlen nur ganz wenige Dinge. Eine Bohrmaschine zum Beispiel, damit ich endlich diese Gardinenstange anbringen kann, die ich mir hektisch im Oktober kaufte bevor die Blätter fielen, weil es danach immer so hell im Schlafzimmer wird. Und größere Dübel weil die, die ich gestern käuflich erwarb (im übrigens letzten innenstadtnahen Baumarkt der Stadt nachdem Max Bahr in die Pleite ging) wieder aus der Wand rutschen. Oder gleich so neumodisches Zeug was man in Löcher tut, um dann die Schrauben hinterher zu schieben. Das härtet dann aus und dann ist alles fest. Fantastisch, kostet auch nur ungefähr 60 mal so viel wie ein Dübel.
Ausserdem brauche ich PU-Dämmplatten. Also eine, um meine Boxen drauf zu stellen, weil der Nachbar nervt. Überhaupt der Nachbar, das ist eine andere Geschichte. Wie dem auch sei: PU-Dämmplatten gibts nur im Baustoffhandel und da eher nicht einzeln. Also von ner Baustelle klauen oder Hersteller nach Muster fragen.
Ansonsten kann man an einem solchen Wochenende auch viele neue Musik hören. Und dann? Zehn mal das gleiche Album und vier mal ein anderes. Es ist schon ein Kreuz. Solch verschwendete Zeit. Aber gut fühlt sich’s an.

Gedanken zur neuen Ästhetik

Ein Graffiti machte in den letzten Tagen die Runde durch das Internet. Darauf eine IP-Adresse: 8.8.8.8, der DNS von Google. – In der Türkei war Twitter verboten worden, die Sperre ging auf DNS-Ebene und das Graffiti war eine handfeste Anleitung, um diesen Filter zu umgehen.
Das alleine ist schon eine ziemlich tolle Sache, aber was mich daran so fasziniert hat ist, das es ein Ausdruck eines Begriffes ist, über den in den letzten Jahren als “New Aesthetic” geredet wird. Die Ästhetik der Vermengung von “Internet-Kultur” und “Realwelt”. Im gleichnamigen Tumblr sammelt James Bridle seit fast drei Jahren entsprechende Beispiele.
Das ist aber nicht alles. Auch in der Science Fiction ist das Mem, die Hochtechnologie mittels teils Archaischer Methoden zu besiegen nichts neues. Steinschleudern gegen Drohnen, Dialup-Modems gegen Internetabschaltung, Graffitis gegen Überwachung, ja sogar der Einsatz der Navajo, um im zweiten Weltkrieg abhörsichere Kommunikation zu ermöglichen fällt da irgendwie darunter.
Vermutlich ist es auch mehr das Narrativ ansich, also die Ästhetik, denn die eigentliche Wirkung. Vielleicht auch der Überraschungsmoment, denn es kann ja keineswegs Verlass darauf sein, dass eine Hochtechnologie mit einer niederen besiegbar ist. So wurden schon bald die entsprechenden IP-Adressen der DNS-Server gesperrt.
Die “New Aesthetic” zeigt, wie wir uns immer mehr in der Ästhetik von Science Fiction und dem, was einst “Zukunft” genannt wurde befinden. Sie geht aber nicht nur auf Kunst oder andere Objekte ein, die mit der Absicht kreiert wurden, die reale mit der vernetzten Welt zu verbinden. Sie beschreibt auch die zufälligen Zusammenhänge, die Nebenprodukte dieser immer stärkeren Durchdringung unseres Lebens durch das Netz.
Letztenendes beweist das Graffiti vor allem eines: Je mehr sich auf eine Technologie verlassen wird, desto verwundbarer wird sie. Und das ist schön, zumindest es der guten Sache dient.

Buchkritik Daniel Suarez: Influx

Daniel Suarez war ja in den letzten Jahren so ein bisschen Hacker-Netzpolitiker-Liebling, weil er mit “Daemon” und “Freedom” erst so etwas wie eine positive Techno-Utopie entworfen hat und dann in “Kill Decision” die Problematik autonomer Drohnen aufgebracht. Sci-Fi, Politik, Gesellschaft, “Wo wollen wir hin” und “Wie kann es weitergehen”, alles ziemlich super.
Mit Influx bricht Suarez mit einer recht entscheidenden Sache: er springt nicht mehr 3,5 oder 10 Jahre in die Zukunft sondern deutlich länger. Gleichzeitig bleibt er im Zeitraum von 2016-2019. Die Geschichte: ein Team von Forschern entwickelt eine Möglichkeit, Gravitation zu manipulieren und wird daraufhin entführt. Das geheime “Bureau of Technology Control” hat die Aufgabe, disruptive Technologien von der Menschheit fernzuhalten, da diese einer zu starken Veränderung nicht gewachsen wäre. Selbst kann es schon seit Jahrzehnten Fusionsenergie erzeugen, hat Krebs besiegt und verfügt über Quantencomputer. Der Protagonist wird vor die Wahl gestellt, entweder zu kooperieren oder in ein Gefängnis gesperrt zu werden. Er leistet Widerstand und so beginnt ein Science-Fiction-Thriller.
Und das ist auch das Problem an dem Buch, das gut konstruiert ist, eine saubere Spannung abliefert und nur ganz wenige Plotholes mit sich bringt, die aber in der Science-Fiction nicht ganz unnormal sind. Suarez hätte eine hervorragende Abhandlung darüber schreiben können, wo die Grenzen des technologischen Fortschritt, die Gefahren der Disruption, die Verheißungen und Fallen der Singularität sind. Stattdessen ist es ein guter, aber eben doch recht substanzloser Thriller geworden. Ausser es passiert auf den letzten 30 Seiten noch ein Wunder, das ich aber bezweifle.
Im übrigen möchte ich anmerken, dass Suarez ständig die gleichen Worte verwendet und sein Schreibstil bisweilen unbeholfen ist.

The Moth

1997 hatte George Dawes Green die Idee, mitten in New York eine alte Tradition wieder aufleben zu lassen. Er dachte an die Nächte, in denen man in Georgia auf der Veranda saß und sich umgeben von den Motten, die das Licht anzog, Geschichten erzählte. Und so gründete er eine Veranstaltungsreihe mit dem schönen Namen “The Moth”. Daraus ist inzwischen eine Veranstaltungsreihe geworden, die ihre Tour durch die gesamten USA macht und bei der mitunter sogar Menschen auftreten, die einen gewissen Bekanntheitsgrad haben. Die Regeln sind denkbar einfach: Die Geschichte muss wahr sein und es gibt beim Erzählen keine Hilfsmittel. Keine Soufleusen, keine Zettel, nichts.
Warum ich das aber alles hier aufschreibe ist, um den ganz großartigen “The Moth”-Podcast zu empfehlen. Bis vor kurzem waren das einmal pro Woche ca 15 Minuten, was wundervoll zum “mal eben ohne Anstrengung konsumieren” geeignet ist, inzwischen kommen gelegentlich ganzstündige Radioproduktionen hinzu, die aber ebenfalls aus Geschichten bestehen, die jeweils maximal 15 Minuten lang sind. Und das ist schlicht und ergreifend grandios. Geschichten aus dem alltäglichen Leben genauso wie solche aus dem Krieg, aus der weiten Welt und sogar dem Weltraum (es gab da diese Folge, in der Richard Garriott von seiner Reise zur ISS erzählte). Manche zum Lachen, andere zum Weinen. Aussetzer? Nur, wenn ganz ganz selten mal diese amerikanische Prüderie zum Vorschein kommt und das Publikum über nackte Menschen in der Sauna lacht. Das kommt aber so sehr vor, dass ich den Podcast wirklich uneingeschränkt empfehlen möchte. Nein, noch mehr, ich lege ihn euch wirklich dringend ans Herz.