Motivationen

Vor vielen vielen Jahren, als ich noch eine ganze Spur mehr Naivität in den Alltag einbrachte, da veröffentlichte ich mit einigen Leuten ein Metal-Fanzine. Das zu machen war mir schon im Kopf herumgespukt, seit ich etwa 15 war, aber das finanzielle Risiko war mir immer zu hoch gewesen für das, was ich eigentlich davon haben wollte. Ich hatte nämlich gehört, wenn man schreibt, kriegt man Promo-CDs. Und CDs umsonst zu bekommen, das war für mich ein unvorstellbarer Luxus. Mein Taschengeld und das was ich mir an Fließbändern im Sommer erarbeitete musste ich klug zwischen meinen Hobbies aufteilen. Das waren neben der Musik auch noch solche Dinge wie mein Computer, ich hatte also einen Anreiz. CDs brennen ging damals noch nicht und die MP3-Sammlungen auf den LAN-Parties, die ich gelegentlich besuchte, waren auch nicht reif genug für meinen Musikgeschmack.
Dann kam das Internet, um genau zu sein im August 1998, ich stieß auf ein Online-Musikmagazin namens moshpit.de, schrieb einen für meine heutigen Begriffe peinlichen Bewerbungstext und war an Bord. Ziemlich schnell war ich überwältigt. Diese Plattenfirmen! Sie schickten nicht nur Promo-CDs sondern gaben auch Gästelistenplätze. Und die Gelegenheit für Interviews! Was fühlte ich mich besonders, als ich kurz vor Weihnachten In Extremo befragen durfte.

In den folgenden drei Jahren wandelte sich ziemlich viel für mich. Aus den ganzen kostenlosen Annehmlichkeiten wurden Selbstverständlichkeiten, die ich zwar schön fand, die aber nicht der Grund für mich waren, dieses Magazin zu gestalten. Ich hatte meine jugendliche Gier überwunden und wollte publiziert werden. Gute Interviews machen. Besser schreiben als die anderen. Gegen das Mittelmaß anschreiben. Irgendwann lernte ich die Chefredakteure des Legacy-Magazins kennen. Wir verstanden uns und plötzlich schrieb ich auch dort. Geld sah ich nie, das hat mich aber nicht im Ansatz gestört. Mein Name stand nämlich im Impressum, meine Texte wurden gedruckt.
Gut, ich war jung und brauchte das Geld nicht. Es war ein Hobby und ein verdammt cooles dazu. Aber es hat mich geprägt. Mein Musikgeschmack hat sich geändert, irgendwann wurde moshpit.de geschlossen. Mit einem Freund eröffnete ich was neues, ein Blog das in dieser Form schon seit zehn Jahren besteht. Gelegentlich schreibe ich auch noch dafür, genau wie einige andere. Wegbegleiter aus unserer Metal-Zeit sind inzwischen zu halbwegs kommerziellen Unternehmen geworden, wir wollten das nie. (Um genauer zu sein haben wir einmal 500 Mark für lächerlich wenig Bannerwerbung bekommen. Vermutlich mit einem TKP um die 100 DM. Das war’s aber auch.)

Seit einiger Zeit habe ich es wieder angefangen, das Musikschreiben. Ich arbeite mittlerweile für ein Verlagshaus, zu dem auch das Stadtmagazin prinz.de gehört. Das hat Reichweite und gibt mir die Möglichkeit, wieder ein wenig zu schreiben und – neu – zu fotografieren. Geld bekomme ich nicht dafür. Möchte ich auch gar nicht. Ich freue mich einfach, publizieren und die restlichen Fotos auf meinen Flickr-Account packen zu können.

Nun war ich letzte Woche beim Zola-Jesus-Konzert in Berlin. Mit Fotopass. Im Graben neben mir ein weiterer Fotograf, mit dem ich vor Beginn ins Gespräch kam. Er macht das beruflich, hat mit der Künstlerin nichts am Hut. Wäre er nicht hier, wäre er zu einem Schlagerabend gegangen, sagte er. Wir unterhielten uns und ich erzählte, dass das für mich eben Hobby sei. Dann folgender Dialog:
Ich: Ja, und die restlichen Fotos packe ich dann auf meinen Flickr-Account.
Er: Machst du denn wenigstens Wasserzeichen drauf?
Ich: Nö, warum?
Er: Naja wenn das jemand nimmt und für sich verwendet?
Ich: Find ich gut!
Er guckt ungläubig
Ich: Naja ich erwarte schon, dass mein Name auch genannt wird, das steht in der Lizenz, aber ansonsten ist es doch schön, wenn meine Sachen von vielen Leuten gesehen werden
Er: Ich finde das unverschämt. Das macht unsere Preise kaputt!

An diesem Punkt wollte ich keinen Streit vom Zaun brechen. Klar, sofern meine Fotos gleichwertig sind, und daran arbeite ich hart, schließlich habe ich ja Ambitionen, dann mache ich ihm Konkurrenz. Er verkauft sie über seine Agentur. Ich gebe meine kostenlos heraus. Klassische Sache der Aufmerksamkeitsökonomie. Mein Hauptgeschäft ist es, Projekte zu managen, digitale Produkte zu konzipieren. Ich habe ein akzeptables Einkommen, mein Fotoequipment kann ich mir irgendwie von meinem Gehalt zusammensparen. Ich muss nicht auf fünf Konzerten pro Woche herumspringen, von denen mich mindestens vier nicht die Bohne interessieren, in der Hoffnung dass irgendwo auf der Welt jemand 40 Euro für eine Lizenz ausgibt, damit sich mein Stundenlohn halbwegs rechtfertigt.

Reiner Zufall dann, dass das ausgerechnet am Wochenende passierte, bevor die Huffington Post in Deutschland an den Start ging. Ganz ähnliche Situation. Leute, deren Hauptgeschäft alles ist, aber nicht das professionelle Schreiben, oder Leute, die mit einem Artikel für die HuffPo glauben, zwei weitere, bezahlte Aufträge zu ergattern, konkurrieren mit all jenen, die dringend angewiesen sind auf ihr Zeilengeld. Und das ist, natürlich, die Zukunft des publizierens, zumindest bei den “weichen” Disziplinen. Kinokritiken werden von Filmenthusiasten geschrieben werden, Musikkritiken von Plattensammlern. Weinkritiken von Sommeliers und Händlern, politische Meinungen von Aktivisten und Lobbyisten, von Beratern, die in der Publikation ihren Expertenstatus festigen und das Geld anderweitig herein bekommen.

Und das muss nicht einmal schlecht sein. Als Händler ist es mir erst einmal egal, welchen meiner zehn besten Weine die Kunden kaufen. Gut, ein besonders raffgieriger Mensch würde vielleicht genau die Flasche auswählen, die am meisten Marge bietet, aber darunter leidet eben auch der Expertenstatus. Als Musikfan bin ich durchaus in der Lage, kritisch auf neue Alben zu blicken, auch wenn sie von meiner bisherigen Lieblingsband stammen. Die meisten Profis sind ja auch Fans. Und wenn es um Gesellschaft, Politik, Meinung geht: Nun, auch da war es nie anders.

Ich habe viel Kritik am Prinzip der Huffington Post gelesen, die von Abzocke sprach. Nun, starkes Wort, das impliziert, die unterlegene Partei wisse nicht, worauf sie sich einlasse. Schließlich ist nichts an diesem Deal, den Publikation mit Autor eingeht, geheimnisvoll, verschleiert oder bösartig. Die Kritik kommt aber vor allem von jenen, die ihren Berufsstand gefährdet sehen. Für die “mehr Reichweite” nicht als Alleinstellungsmerkmal ausreicht. Und das ist auch unredlich, ja vielleicht sogar schädlich.

Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger gefällt mir der Dualismus “Geld bezahlt guten Journalismus”. Während ich mit dem Wunsch nach Reichweite das Maximum aus meiner Meinung rausholen möchte, bin ich mit einem bezahlten Job immer von den Geldgebern abhängig. Ein Chefredakteur eines bezahlten Magazins, dessen Artikelmenge sich also nach den finanziellen Ressourcen orientiert (also: Anzeigen), wird immer eine andere, möglicherweise weniger kontroverse Linie verfolgen als eine Chefredakteurin, die möglichst viele Artikel mit möglichst vielen Meinungen publizieren möchte, um – nun – möglichst viel Leserschaft zu erreichen. Klar, das ist anstrengender für die Rezipientenseite. Weniger Artikel, die – um Neutralität bemüht – Meinungen zusammenfassen. Dafür aber ungefilterter das, was eigentlich wichtig ist: Debatte und Pluralität.

Neu? Kommt mir so vor, als sei das mit dem Aufkommen von Blogs schon einmal diskutiert worden. Es hat nur einen anderen Level und plötzlich könnte es sein, dass einige wenige (die Gatekeeper) daran reich werden. Aber wenn sie das tun, dann nicht daran, dass sie sich am Geschriebenen anderer bereichern, sondern weil sie eben die eine Währung (Geld, etwa aus der Vermarktung der Inhalte) in einer anderen (Leserzahlen) weiterreichen.

Alles gut also? Es fehlt natürlich das Eine, nämlich die Antwort darauf, wie eigentlich echte, harte Recherche bezahlt werden soll. Das, was einige wenige Journalisten tun. Skandale aufdecken. Die Antwort habe ich leider auch nicht parat. Beim Rest bin ich aber relativ entspannt, sofern sich die Lesekompetenz der Menschen anpasst. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ein Artikel über die Sicherheit von Atomreaktoren eben durchaus von den Lesern anders verarbeitet wird, je nachdem ob er von Greenpeace, dem Leiter des Atomforums oder einem Wissenschaftler geschrieben wird.