Zahnarztschmerzen

Ich hatte mal verdammt gute Zähne. Bis auf ein winziges Loch irgendwann anfang der Neunziger dauerten meine Zahnarztbesuche immer zehn Sekunden. In diesen bewunderte Dr. Burger die herausragende Qualität meines Zahnmaterials und entließ mich dann wieder.
Irgendwann war Dr. Burger weg oder es gab einen anderen Grund, auf jeden Fall saß ich bei einem anderen Arzt im Stuhl. Der wiederum sagte “Oh, Sie sind ja Privatversichert” beobachtete anschließend mit einem Vergrößerungsglas ganz genau meine Zähne. Natürlich fand er Karies, wo bisher niemand welche gefunden hatte. Und, oh Wunder, auch später niemand welche fand.
Privatversicherungen sind ja generell eine Frechheit, aber als Lehrerkind ist man eben automatisch in einer solchen. Und während das meistens ziemlich gut ist (Krankenhaus-Aufenthalte, Wartezeiten, die Bandbreite an Behandlungen, die einem bezahlt wird) ist es genau dann schlimm, wenn man sich darauf verlassen muss, dass ein Arzt die Zahlen auf dem Behandlungsplan interessanter findet als den Hippokratischen Eid.
Löcher im Zahn sind schnell gefunden und die besonders guten Füllungen, Inlays und Kronen aus Keramik teuer. Der gutgläubige Patient beschwert sich höchstens über die Betäubungsspritze, wenn er das alles nicht selbst zahlen muss.
Das ist natürlich eine ungeheure Unterstellung aber die Wahrheit ist: Zahnärzte haben noch mehr Meinungen als Anwälte. Ich habe noch nie einen Zahnarzt sagen hören “Das hat mein Vorgänger aber besonders elegant gelöst”. Es sind eher Sätze wie “Das macht man heute nicht mehr so”, “Bitte wieviel hat der Kollege dafür verlangt?” oder “Ja, die Technik haben wir auch schon genutzt, aber wir halten sie noch nicht für ausgereift”.
Nun bin ich seit einigen Jahren gesetzlich versichert und meine Zähne sind etwas schlechter geworden. Innerhalb von zwölf Monaten brachen zwei Zähne auseinander, kurz danach der dritte.
Nun habe ich seit einigen Monaten ein größeres Problem mit einer Zahnwurzel. Die eine Ärztin gab aus verschiedenen Gründen die Behandlung auf, wollte den Zahn ziehen. Das wiederum fand ich eine wenig elegante Lösung. Also fragte ich eine mir empfohlene Spezialistin. Deren Zweitmeinung: Klar, kann man noch retten, kostet aber 1500 Euro. Privatpatienten only, erhöhter Stundensatz und so weiter. Ich zeigte das einem weiteren Zahnarzt, ein alter Schulfreund. Drittmeinung: “Geht auch günstiger”. Nun fahre ich durch drei viertel dieser Republik, um mir den Zahn behandeln zu lassen. Ja, ich vertraue ihm. Wir waren schon gemeinsam betrunken, vor vielen vielen Jahren. Ich weiss, er möchte mich nicht abzocken und hat auch ansonsten vor allem das Interesse, mir zu helfen. Bei allen anderen bin ich mir da nicht immer so sicher.

Wahlkrampf

Es wird gewählt in diesem Land und nicht alle finden das gut. Nicht das wählen an sich, da gibt’s nur wenige die das ablehnen und für die ist auch der Text nicht gedacht. Ich schreibe für all jene, die der berechtigten Auffassung sind, dass die Auswahl unbefriedigend ist. Kurz vorab: Jegliche Erwähnung von Parteien zum werblichen Zwecke im Kommentarbereich berechtigt mich, den entsprechenden Kommentar zu meiner Belustigung abzuändern.

Ja, alle Parteien sind irgendwie doof. Über Schwarz brauchen wir nicht zu reden, Gelb war vielleicht bis vor 30 Jahren mal ganz akzeptabel, ist seitdem aber keiner Diskussion mehr würdig, Rot hat in der Vergangenheit (bis 2009) viel Unfug gemacht und es ist ihr nicht so recht zuzutrauen, dass sie es diesmal besser machen wird, Grün hat auch ein bisschen Unfug gebaut und Dunkelrot hat zu wenig Realitätsbezug und zu viele Spinner in seinen Reihen. Das gleiche gilt für Orange, zusätzlich zum Unfug, der Peinlichkeit und der Diskussionskultur.

Das einfachste Argument, eine Partei zu wählen, ist das Programm. Dem treu zu bleiben ist wiederum besonders gut in der Opposition möglich. In der Opposition sind irgendwie viele Parteien gut, besonders wenn sie schon sehr lange in der Opposition sind. Da gewinnen also die Dunkelroten und die Orangen.

Schwieriger wird es aber, wenn die Chance besteht, dass es eben doch eine Regierung gibt. Was waren die Grünen toll, als sie noch keine Entscheidung um Krieg oder Frieden treffen mussten oder einfach bedingungslos die Atomkraftwerke abschalten wollten! Was waren die Roten toll, als sie gegen den Sozialabbau sein konnten, ohne Hartz und Riester mit dem Gegenteil zu beauftragen. Aber mit der Macht kommt die Verantwortung und oft auch die Torheit. Wer sicher sein will, dass die Stimme auf keinen Fall gegen etwas geht, für das man steht, der wählt dann doch lieber die sichere Opposition. Oder gar nicht. Die Wahrheit ist aber, dass Koalition eben Interessensausgleich bedeutet und einzelne Positionen eben irgendwann zur Verhandlungsmasse werden.

Also, warum wählen, wenn damit Dinge passieren, die nicht gut sind?

Nun, Veränderung passiert eben nicht nur im Parlament. Verhandlungsmasse ist nicht nur das, was unter den Koalitionspartnern ausgehandelt wird, sondern auch das, was von ausserhalb kommt. Lobby zum Beispiel. Regierungen beschließen Dinge und stoßen auf Protest. Durch Gewerkschaften, Umweltorganisationen, die Pharmaindustrie oder die “Frau von der Straße”™ Und dann werden eben Vorhaben abgeschwächt oder gestrichen, manchmal sogar Ideale umgeworfen. Wenn es doof ist, nennen wir es Lobbydruck. Wenn es gut ist, nennen wir es “erfolgreiche Proteste”.

Ich glaube nicht an Schuldzuweisungen. Niemand ist wegen eines Wahlkreuzes “Selbst schuld”. Aber es ist durchaus hilfreich, eine Regierung zu haben, die eher dazu neigt, den eigenen Interessen auch im Nachgang noch Gehör zu verleihen. Nicht immer hilft das. Der Reimspruch mit dem “Verraten” ist nur allzu bekannt und wird immer wieder gerne angewendet. Aber die Chancen sind deutlich höher, dass alles nicht so ganz schlimm wird, wenn nur “Falsch” und nicht “ganz Falsch” im Kanzleramt sitzt. Eben weil das Ohr zumindest manchmal noch an der richtigen Stelle sitzt.

Also: Geht wählen. Sonst seid ihr nämlich selbst schuld, dass eure Proteste weniger gut gehört werden. Oder so.

Musikmengen

Früher war alles einfacher. Zumindest mit der Musik. Alle paar Wochen kam ein gutes Album, das hat man sich dann entweder selbst geleistet oder von Freunden auf Tape kopiert und so lange gespielt bis sich das Band im Tonkopf verknotete. Irgendwann wurde nicht nur ich erwachsen sondern auch die Technik. CDs wurden zu MP3s, die wiederum wurden zunächst per Post durch die Gegend geschickt, später dann per Napster. Man verließ sich nicht mehr auf den Musikgeschmack des Lieblingsmagazins sondern entdeckte selbst. (Gut, dazu kam, dass ich irgendwann gehört hatte, als Musikkritiker bekäme man immer alle CDs vorab und umsonst, drum schloss ich mich einem kleinen Fanzine an und entdeckte aus lauter Gier ein Hobby, das fast zu meinem Beruf geworden wäre, aber das ist eine andere Geschichte.)
Wie dem auch sei: Musik war überall und Napster wurde zu Kazaa, zu Bittorrent, zu One-Click-Hostern, zu Anbietern wie Spotify, von deren Legalität alle möglichen Leute profitieren, nur die Künstler nicht.
MIt all dieser Verfügbarkeit begann auch die Varianz in meinem Geschmack. Ob das nun kausal oder korrelativ ist, sei dahin gestellt, aber irgendwann interessierte ich mich für die Einflüsse gewisser Musiker. Plötzlich hörte ich nicht mehr Metal sondern die Beach Boys, Aphex Twin und Coil. Doch während der innere Drang, alles zu kennen, in Sachen Heavy Metal noch halbwegs stillbar schien, war genau dies plötzlich unmöglich geworden; ich wollte aber zumindest sichergehen, dass ich kein relevantes Stück Musik verpasse.
Mich interessierte nicht mehr ein Teil des Musikspektrums, mich interessierte alles, was originell war. Und mit originell meine ich “Klingt, als kann niemand anders das auf diese Weise machen”, am liebsten noch mit dem Zusatz “Und es ist etwas völlig neues, was die Musikwelt bislang in der Form noch nicht gehört hat”. Ich abonnierte “The Wire”, um halbwegs informiert zu bleiben. Das ist ein Magazin, das man jahrelang Abonnieren und lesen kann und bei dem man dennoch jeden Monat aufs Neue überrascht wird, weil man die Hälfte der Künstler auf dem Cover nicht kennt. Ich versuchte durch Vergleichsdienste wie Last.fm (und die richtigen Freunde darauf, ja mir durch alle möglichen Quellen sagen zu lassen, was denn möglicherweise Interessant sein könnte.
Letztenendes hilft aber nur selbst hören. Und das ist eine ganz schön große Aufgabe. Der Newsletter von Othermusic.net, den ich überaus schätze, listet in der Woche etwa zehn Alben. Der Wire nochmal einige. Es gibt One-Click-Hoster-Linkblogs da draussen, die tun ihr Übriges. meine derzeitige Liste an ungehörten Alben die ich aber noch dringend abchecken möchte ist etwa fünfzig Alben lang. Und bei den allermeisten reicht ein einmaliges Durchhören nicht, um zu entscheiden ob es wirklich in die eigene Bibliothek soll. Und was ist eigentlich mti all der Musik, die man gut findet, wertschätzt, öfter hört? Musik ist plötzlich Arbeit geworden. Glücklicherweise welche, die entspannt ist und enorm viel Spaß macht. Aber eine richtige Methodik, um mit all den Massen an Musikstücken klar zu kommen, ist mir immer noch nicht bekannt.
Und deshalb möchte ich eine Frage in die Runde werfen: Wie entdeckt ihr so neue Musik? Und wie oft? Kommentieret!