Der Wahl-O-Mat

[Irgend ein Reim mit Hurra und der Wahlomat ist da, oder auch weglassen]. Mir ist nicht ganz klar, welche Zielsetzung der Wahl-O-Mat hat, ich glaube aber er taugt maximal für genau eine Sache, nämlich zur spaßhaften Belustigung.
Die Idee ist simpel: 38 Fragen, die eins mit “Find ich super”, “keine ahnung / mir egal” und “Nee, echt nich” beantworten kann. Danach wird ausgewertet, man kann noch anklicken, welche Fragen besonders wichtig sind, welche Parteien von Interesse wären, und dann kriegt man eine oder mehr Prozentzahlen (je nach Anzahl ausgewählter Parteien) angezeigt. So weit so gut, wären da nicht so manche reichlich kaputte Punkte.

Der Wahl-O-Mat taugt nur halb für politische Bildung: Zu den Fragen gibt es keinerlei politische Erklärung. Kein “Wie ist das gemeint?” – Selbst in Wahlprogrammen der einzelnen Parteien gibt es für jede der hier aufgestellten Thesen eine, oft hanhnebüchene aber immerhin vorhandene, Begründung. Eins fragt sich, was denn die Begründung dafür sein könnte, Nebeneinkünfte auf einen Euro genau offenlegen zu müssen oder den Strompreis stärker zu regulieren. Die Begründungen finden sich nach Abschluss des Wahl-O-Mats. Vorher gibt es keine Hintergründe. Nach Abschluss zurück zu springen, um eine Antwort zu ändern, ist allerdings mit so viel Aufwand verbunden, dass “Kraftakt” neu definiert werden müsste.

Der Wahl-O-Mat ist in seiner Fragestellung intransparent. Manche Fragen werden so gestellt, dass sie durchaus für Mißverständnisse sorgen können. Oder aber sie lassen ein derart großes “Ja, Aber” offen, dass eins nicht sinnvoll antworten kann. “In der Euro-Zone soll jeder Staat alleine für seine Schulden haften” – Heisst das nun, “kein Geld für Griechenland”, beziehungsweise “Keinerlei Rettungsschirme”? (Und warum ist die CDU dann dafür, wo sie doch genau diese Politik betrieben hat?) oder heisst das, dass es keine Grundsätzliche gemeinsame Haftung geben soll? Und was ist mit der Frage nach einem Grundeinkommen, das eins vielleicht generell befürworten würde aber nicht in den nächsten 4 Jahren?

Der Wahl-O-Mat simplifiziert: “Alle Banken in Deutschland sollen verstaatlicht werden” oder “Der Strompreis soll vom Staat stärker reguliert werden” – solche Fragen lassen sich nicht auf genau dieses Statement reduzieren. Es gibt Gründe, warum bei vielen Parteien ein “Neutral” bei einigen Antworten steht. Es kommt darauf an, die Antwort ist komplexer als die Frage es zulässt und oft hängen Antworten auch voneinander ab und können nicht völlig isoliert betrachtet werden. Viele populistische Forderungen können nur allzu schnell mit “Oh ja” bzw. “Och nö” beantwortet werden, eben weil sie überhaupt erst dort zu finden sind.

Der Wahl-O-Mat hat ein paar mehr als seltsame Fragen. Mein Liebling: “Verfassungswidrige Parteien sollen weiterhin verboten werden dürfen.” – Die Frage wurde von keiner Partei negativ beantwortet ausser von NPD, Bayernpartei, PDV und PSG. “Alle Kinder sollen ungeachtet ihres kulturellen Hintergrundes gemeinsam unterrichtet werden.” wurde lediglich von den rechtsextremen Parteien (NPD, REP, PRO Deutschland) mit “Nein” beantwortet. Gleichwohl machen die Fragen den Eindruck, als seien sie in irgend einer Form legitim, offen diskutabel, gleichwertig mit etwa der Frage nach einem Tempolimit auf Autobahnen oder einem elternunabhängigen Bafög. Gut, eins könnte die Fragen stärker gewichten aber das wiederum macht alles mögliche andere kaputt.

Bleibt zu sagen: Wahl-O-Mat als Idee nett, aber doch bitte während der Fragestellung mehr Weiterbildung. Informationsboxen bei den Fragen, weniger Fallstricke. Für Menschen, die sich nicht ausreichend mit Politik beschäftigen und das an dieser Stelle gerne tun würden, ist er zwischen “unbenutzbar” und “fehlleitend”. Er taugt zum Spass. Ergebnis twittern, lustig machen, sich aufregen. Und warum er dann nicht mal Teilen-Buttons hat? Eben Fehlkonzeption bis in die letzte Konsequenz.

Ein Tweet über Manning und ein paar Antworten

Ich twitterte heute “My guess and hope is, Chelsea Manning will be pardoned on Jan 20th 2017, Obamas last day in office. #freechelsea”. Das wurde ganz gut rumgereicht und ich bekam natürlich so manche, meist deutlich freundlicher formulierte, Anfrage, wie ich denn auf dieses schmale Brett käme. Nun, ich könnte einfach antworten dass ich ja bestimmt nicht der einzige Träumer in dieser kaputten Zeit sei. Oder einen guten Optimistenwitz zum besten geben. (Der Unterschied zwischen einem Optimisten und einem Pessimisten? Der Pessimist sagt “Es kann gar nicht schlimmer kommen!”, der Optimist antwortet “Oh doch, es kann!”).
Ich möchte mich stattdessen an ein bisschen Realismus versuchen. Obama hat sich von seinen Wahlversprechen maximalst entfernt. Das mit Guantanamo, das mit der Transparenz, vor allem aber das mit den Whistleblowern. Aber warum? Bestimmt war es nicht so, dass er eines Tages im Weißen Haus saß und sich dachte “Ne doch keine Lust auf eine bessere Welt.” Oder etwa “Ich hab ja jetzt die Macht, was soll ich da noch mit Whistleblowern?”. Ich glaube auch nicht so ganz an diesen Bill-Hicks-Standup-Witz. Da wird dem neuen Präsidenten ein bislang unbekanntes Video von der Kennedy-Ermordung vorgeführt, implizierend man könne das auch mit ihm tun, wonach er gefragt wird, ob er noch weitere Fragen habe.
Aber die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen und ich frage mich seit Tagen, wie das alles wohl ausgeht. Irgendwie habe ich die Hoffnung, dass er eines Tages, ein paar Jahre nach dem Ende seiner Amstzeit dieses Interview gibt, in dem er sagt “Tut mir leid, mir waren da die Hände gebunden”. Oder dass er, wie einst Eisenhower in seiner Abschiedsrede vor dem Militärisch-Industriellen Komplex warnte, etwas ähnliches tut. Am 20.01.2017 geht Obamas Amtszeit zuende. Kurzfristige Begnadigungen sind kein Einzelfall. Vielleicht gibt er sich diesen Ruck ja. Oder er überlässt das seinem Nachfolger, Tokyo Rose wäre so ein Fall, sie wurde 1949 wegen Hochverrats verurteilt, weil sie im zweiten Weltkrieg für einen japanischen Propagandasender gearbeitet hatte. Gerald Ford begnadigte sie 1977.
Hoffen wir, dass Chelsea Manning schneller begnadigt wird. Vielleicht durch Obama selbst, vielleicht durch seine Nachfolgerin. Seien wir ein klein wenig optimistisch.

Rückblick

Was so in der letzten Zeit passiert ist:

  • Ich habe Cat Power gesehen und war ziemlich enttäuscht
  • Ich schreibe neuerdings manchmal für Prinz.de (über Cat Power zum Beispiel)
  • Ich habe eine kleine Leseblockade überwunden
  • Ich habe “Gun Machine” von Warren Ellis gelesen und fand es ziemlich gut. Reichlich kaputter (immerhin Warren Ellis) Kriminalroman in einer sehr düsteren Version (immerhin Warren Ellis!) von New York. Empfehlenswert!
  • Ebenfalls endlich gelesen: “Kill Decision” von Daniel Suarez. Toller Tech-Thriller in dem es um Drohnen und den Militärisch-Industriellen Komplex geht, gegen Ende ein klein bisschen Schwach weil zu viele Zufälle aufeinander kommen, aber insgesamt auch empfehlenswert.
  • Einen ganz guten Teil von “The Perfect Health Diet” habe ich auch gelesen. War eine Empfehlung von den auch sonst sehr empfehlenswerten moeffju und liron und hat mir ungeheuer viel über Ernährung beigebracht. Völlig ideologiefrei, dafür reichlich mit Fakten und wissenschaftlichen Zitaten gefüllt. Kann man definitiv lesen, sollte man sogar, wenn man sich ein wenig mit Ernährung beschäftigen will.
  • Ich habe Autre Ne Veut in Berlin gesehen und war extrem begeistert, noch begeisterter als vom letzten Album und das hat mich schon quasi umgehauen.
  • Ich habe abgenommen. 11 Kilo seit April, 16 Kilo seit Anfang 2012. In Teilen auch den Inhalten dieses Buches geschuldet, die ich dann in eben diesen Teilen schon durch Gespräche in mich aufgenommen hatte. In anderen Teilen einfach der Nicht-Aufnahme von Zucker geschuldet. Aber das steht ja auch in dem Buch.
  • Ich habe mal wieder angefangen, “Macht und Rebel” von Mathias Faldbakken zu lesen. War eine dringende Empehlung von Frau Blitzkrieg und bisher hält es, was es verspricht, nämlich ein völlig kaputtes, misanthropisches und gesellschaftsfeindliches Stück Literatur. Großartig.
  • Parallel dazu lese ich gerade auch noch “Bonk” von Mary Roach, eine wunderbar geschriebene Tour durch die Sexualforschung und -Wissenschaft.
  • Ich war in letzter Zeit noch öfter in Berlin als sonst, aus guten Gründen.
  • Ich habe Julia Holter im Kampnagel gesehen (sehr toll) und mich ganz irre über ihr neues Album gefreut.
  • Ebenfalls toll war Kendrick Lamar.
  • Die meisten Konzerte in letzter Zeit fotografiere ich auch, das kann man auf meinem Flickr-Profil sehen.
  • Ich war wandern und Segeln im Chiemgau.
  • Alles in allem ist mein Leben irgendwie ruhig aber gut, gerade. Andererseits sammle ich gerade tausend und eine Idee zusammen. Irgend etwas davon wird sicher auch umgesetzt.
  • Achja und nächsten Sonntag halte ich auf der Open Mind einen Vortrag über “Arbeiten in alten und neuen Ökonomien“, in dem ich ein wenig von meinen Erfahrungen in Startups wie in der “Old Economy” berichten werde. Herauskommen sollen ein paar Gedanken darüber, wie das heutige Arbeitsrecht sowie das allgemeine Verständnis von Arbeit, ihren Nehmern und Gebern und so weiter noch zeitgemäß ist beziehungsweise was eigentlich “Zeitgemäß” überhaupt bedeuten sollte.

Licht- und Rechtsbruch

Während hierzulande über dreißig Grad waren, schneite plötzlich ein Bericht nach dem Anderen über die Infrastruktur verschiedener Geheimdienste herein. Licht- und Rechtsbruch, Flughäfen in Moskau, Wien und Hongkong, Diplomatische Spannungen und die Erkenntnis, dass “Geheimdienstkontrolle” wohl ein Oxymoron ist.

“Verschlüsselt!” sagen die einen, sogar der Innenminister. “Geht doch gar nicht sinnvoll!” sagen die anderen, vermutlich auch grinsende Geheimdienstler. Und die dritten beschweren sich, dass Verschlüsselung ohnehin zu kompliziert ist.

Alles richtig. Und noch viel mehr. Aber von vorne: Nein, ich glaube nicht, dass unser politischer Aktivismus viel bringt. Was er bringen könnte, werde ich aber später noch einmal darlegen. Petition? Da grinst der Schlapphut. Plakate vor Botschaften? Da lacht er uns direkt ins Gesicht. Spaziergänge zu seinem Zentrum? Da wird er repressiv. Veröffentlichung von Informationen? Da vergisst er das mit all den Grundrechten. Oder um es kurz zu machen: Den Geheimdiensten sind unsere Befindlichkeiten herzlich egal. Waren sie vermutlich schon immer. Nur jetzt wird es uns bewusst.

Wir befinden uns in einer enorm undankbaren Situation. Wir haben keinen Einfluss auf die Regierungen anderer Staaten, wir können uns nicht abschotten, ja wir nutzen bereitwillig und täglich Online-Dienste, die nicht unserer Gesetzeslage unterliegen. Und selbst wenn wir sie nicht selbst nutzen: wir können uns nicht eingraben und die Kommunikation mit allen verweigern, die das tun.

Also verschlüsseln. Aber was bedeutet das? Kommunikation mit den Eltern und Großeltern über Gmail, Chats mit Schulfreunden über Facebook aber drei verschlüsselte Mails pro Woche an die gleiche Person? Einfacher kann man nicht mehr sagen “Genau hier solltet ihr mal näher hinsehen!”. Und meine Eltern und Großeltern, die werde ich ja schließlich niemals dazu bringen, Mails zu verschlüsseln, oder?

Nun. Ich nutze seit einigen Jahren das OTR-Plugin bei all meinen Chats. Und weil “Adium” bzw “Pidgin” nun jetzt nicht die seltensten Chatprogramme sind und diese das automatisch mit sich bringen, stelle ich immer häufiger fest, dass bei Chats mit Menschen, denen ich keine sonderliche Technikaffinität zusprechen würde, plötzlich das Verschlüsselungssymbol angezeigt wird. Das wissen diese Menschen natürlich nicht, aber der Schritt, es ihnen zu sagen, ist klein.

Man könnte sagen, OTR funktioniert. Man könnte auch das Gegenteil behaupten. Um wirklich verifiierte Verschlüsselung zu haben, muss man nämlich den Schlüssel der anderen Person kennen oder eine Frage formulieren, die von der Gegenstelle beantwortet werden kann. (“Wo haben wir uns zum ersten Mal getroffen?” – beispielsweise.)

Man könnte auch sagen, SSL funktioniert. So manche Website liefert ihre Inhalte nur über HTTPS aus, dass die Adresszeile im Browser dann ein wenig anders aussieht, merkt auch niemand so richtig. Aber es ist dann verschlüsselt. Auch hier wieder das Gegenteil: Die Infrastruktur ist hinreichend kaputt, ob das Zertifikat echt ist, mit dem die Websiteninhalte verschlüsselt werden, kann man nicht so richtig sagen.

Was Krypto nicht kann, ist uns vollständige Sicherheit garantieren. Nicht, weil der Teil mit der Verschlüsselung nicht funktionieren würde, sondern weil das mit dem Vertrauen eine wahnsinnig komplizierte bis unlösbare Sache ist. Wir müssten der Hardware bis in den letzten Chip vertrauen können, dem Betriebssystem, jedem einzelnen Programm, unseren Compilern, der Telefonleitung, der Gegenstelle allem. Aber jedes bisschen Crypto hilft, weil es die Überwachung erschwert.

Je sicherer unsere eigenen Programme und unsere Infrastrukturen werden, desto mehr muss die Gegenseite investieren. Kalter Krieg und so. Abschreckung funktioniert nicht, aber vielleicht gehen sie auf halbem Weg ja pleite daran oder verlieren die Lust. Und die Angriffe müssen gezielter werden. Auch das ist dann aufwändiger und nimmt zumindest die Masse aus der Überwachung.

Und ja, wir brauchen unsere eigene Infrastruktur. Ich rede nicht von DE-Mail und solchem Quatsch. Aber wenn unser Innenminister schonmal darüber redet: Hey, es gibt irre viele Projekte, die könnten so ein bisschen Geld gebrauchen. Statt T-Systems irgendwelche dämlichen Ausschreibungen gewinnen zu lassen, warum sponsorn wir nicht Freie Software? Und zwar im großen Stil? Geld für UX-Ingenieure und UI-Designer, Geld für hochklassige Entwickler, Geld für Quality Assurance und Produktmanagement, damit nicht die drei Nerd-Lieblingsfeatures eingebaut werden sondern die ganze Familie daran teil haben kann.

Und zum Schluss? Weitermachen. Gegen die Schere im Kopf ankämpfen. Verschlüsseln auch wenn es nicht nötig ist. Für eine Sensibilität in der gesamten Gesellschaft sorgen. Klar machen, warum ihr verschlüsselt.

Und dann könnte man ja eigentlich noch spammen. Alle Kanäle mit derart viel Rauschen versehen, dass ohne Entschlüsselung und anschließendem Filter rein gar nichts mehr geht. Aber da kann mir sicher auch eine Kryptologin erklären, warum das eigentlich nicht funktioniert.

Musik 2013 / 1

Es war bislang ein gutes Jahr für die Musik und nach deutlicher Überschreitung der Halbjahresgrenze möchte ich hier so manches Album empfehlen, das mich die letzten Monate begleitet, berührt, begeistert, beeindruckt hat. Es ist keine besondere Reihenfolge, wenn auch größtenteils alphabetisch und es fehlt eine nähere Beschreibung. Es sind auch nicht alle Alben, die ich gut fand. Aber es ist das, was ich für empfehlenswert halte und was nicht ohnehin täglich irgendwo gespielt wird. Ich hoffe, es dient als Inspiration.

Toro y Moi – Anything in Return
Autre ne Veut – Anxiety
Fuck Buttons – Slow Focus
Daughn Gibson – Me Moan
Kölsch – 1977
Autechre – Exai
Beach Fossils – Clash the Truth
Boards of Canada – Tomorrow’s Harvest
Dean Blunt – The Redeemer
Devendra Banhart – Mala
DJ Koze – Amygdala
Iron & Wine – Ghost on Ghost
Lightning Dust – Fantasy
Lusine – The Waiting Room
Mark Kozelek – Like Rats
Marnie Stern – The Chronicles of Marnia
Nicholas – The Beat Down
Owiny Sigoma Band – Power Punch
Small Black – Limits of Desire
Tegan and Sara – Heartthrob
Unknown Mortal Orchestra – II
Wild Nothing – Empty Estate

UPDATE: Der Famose @yesnocancel hat sich die Mühe gemacht, und alle Albenempfehlungen in eine Spotify-Playlist gepackt. Viel Spass!