Erfolgsmusik

Ein Wochenende voller Konzerte, am Freitag zunächst die Beach Fossils, am Samstag dann CocoRosie. Vergleichbar sind die beiden nicht. Beach Fossils machen leicht punkigen uptempo-Rock mit einer auf Dur gestimmten Lead-Gitarre als Haupt-Melodiegeber. CocoRosie sind irgendwo zwischen Folk, Pop, Hiphop und Katze, eine sehr lebendige Erinnerung an verblichene Fotos von alten Spielplätzen und Jahrmärkten.
Was mich aber Beschäftigte, war die Frage nach dem Erfolg. Die Beach Fossils füllen den Grünen Jäger, einen winzigen Club der ein wenig an Jugendheim erinnert, vielleicht 80 oder gar 100 Leute haben Platz. Gut, parallel läuft das Elbjazz-Festival und gleich mehrere Freunde wollten lieber zu Chilly Gonzales, aber es ist ja ausverkauft. Bis dato hatte ich vermutet, die Beach Fossils wären in der Lage, eine große Masse anzusprechen, könnten möglicherweise tausend Leute anziehen in dieser Stadt. Nichts dergleichen, Jäger. CocoRosie spielen parallel zum Champions-League-Finale. Und zum Elbjazz. Und sie füllen das Übel&Gefährlich. mindestens fünf mal so viele Leute. Klar, andere Zielgruppe und ein paar jahre Länger dabei, aber die Beach Fossils gibt’s auch schon seit 2010 und sollten eigentlich den meisten Hipstern ganz gut ins Ohr gehen.
Die Frage nach dem Erfolg beschäftigt ja nicht nur mich und hätte ich eine Antwort stünde mir eine grandiose Karriere als A&R-Manager einer Plattenfirma bevor. Aber dann war da noch dieser Film, den ich kürzlich sah: Searching for Sugar Man. Eine Dokumentation über den Singer/Songwriter “Rodriguez”, der Anfang der siebziger Jahre zwei grandiose Platten machte, damit aber scheiterte bis auf Südafrika, wo er zum größten Popstar aller Zeiten avancierte. Wie die Beach Fossils sich wohl fühlen, wenn sie trotz großartiger Musik immer nur 100 Leute anziehen? Ob sie besonders Treue Fans in, sagen wir mal, Rumänien haben?
Mir schießt Nick Drake durch den Kopf, der vor einigen Jahren ein ganz wundervolles Revival hatte, ja gar in der Volkswagen-Werbung gespielt wurde, allerdings alles viele Jahre nachdem er sich das Leben nahm. Er wusste, wie toll er war, alleine wollte das zu diesem Zeitpunkt niemand erkennen und seine Platten verkauften sich nicht. Was ist eigentlich mit all der wundervollen, weltbewegenden Musik geworden, die niemand von uns je gehört hat? Bands wie Konono No.1 die im Kongo seit dreißig Jahren bekannt sind und erst vor einigen Jahren hier entdeckt wurden, weil ihre traditionelle Ritualmusik plötzlich unserer Avantgarde sehr nahe kommt. Was ist mit all den Seelen, die in verrauchten Clubs an ihrer Gitarre sitzen und nur deshalb keine Stadien füllen, weil nie ein Produzent vorbei gekommen ist, um sie zu entdecken? Und wie werden wir mit den Nachlässen umgehen, die von unseren Enkeln auf alten Fesplatten ausgegraben werden? Wer ist der Van Gogh unserer Generation, nie entdeckt und erst posthum unsterblich? Die Giganten auf denen wir stehen sind in Wahrheit Haufen von Zwergen. Künstler, die Stile geprägt und den Zeitgeist weiterentwickelt haben, denen es aber nie gelungen ist, das Schaffen zum Erfolg zu führen. Das machten dann andere, die aus dem Untergrund hervortraten ins Scheinwerferlicht der großen Hallen und Stadien. Ich bin kein Musiker und auch nicht eitel. Dies ist also weder eine Debatte um Neid noch darum, ob ich die Menschen leiden kann, die neben mir auf diesem Konzert stehen.
Die Beach Fossils spielen eine knappe Stunde, CocoRosie anderthalb. Beide begeistern, CocoRosie schafft es ein wenig mehr, meine Euphorie zu wecken. Aber das ist ein Thema für einen seperaten Beitrag. Was bleibt ist, dass beide Bands völlig überwältigt von ihren Fans sind. Erfolg hat eben nichts mit Gewöhnung zu tun.

Die Angst vor der Frisur

Seit ich denken kann, habe ich lange Haare. Vermutlich hatte ich schon lange Haare, als ich noch nicht Denken konnte. Auf jeden Fall schon immer. Als Kind war’s ein Schnitt, der bis über die Ohren reichte, denn die standen ab. Ob der in der Grundschule drohenden Mobbing-Gefahr hatte ich sogar eine Operation. Ohren-Anlegen muss nicht immer etwas mit Sterben zu tun haben, auch wenn ich eine Vollnarkose hatte. Als ich aufwachte, musste ich drei Wochen einen Verband um den Kopf tragen, danach stand nur noch ein Ohr ab, weil so eine OP eben nicht mit einer Funktionsgarantie daher kommt. Also ein abstehendes Ohr. Mich hat das nie gestört und die Hänseleien waren eher wegen solcher Dinge wie meinen Hosenträgern oder auch allgemeiner Inkompatibilität zur heranwachsenden Dorfjugend.
Irgendwann fand ich dann laute Rockmusik toll und wollte so aussehen wie Axl Rose. Also noch längere Haare und ganz fürchterlich peinliche weiße Radlerhosen. Nach einem größeren Mißverständnis mit einem Friseur, das mir erste Erfahrungen mit dem Wort “androgyn” einbrachte, habe ich seit 1994 maximal die Spitzen schneiden lassen. Ich hörte Metal, da war das ganz cool, meine Haare sind seit jeher recht gesund, ich werde häufig nach meinem Haarpflege-Geheimnis gefragt (alle 3 Tage waschen, höchstens einmal die Woche bürsten, Shampoo, Spülung, das war’s, nach Möglichkeit an der Luft trocknen lassen.) und irgendwie gefiel ich mir so auch ganz gut, wobei das auch nicht ganz stimmt, denn gut gefallen habe ich mir die meiste Zeit meines Lebens eher nicht so – aber der Selbsthass hatte eher etwas mit Körperfett und solchen Dingen zu tun als mit dem Kopf.
Es gab sogar eine Zeit, da wollte ich für immer so lange Haare haben und habe meinen Kopf jeden Tag panisch nach Geheimratsecken abgesucht. Die gibt es mittlerweile aber mit Anfang dreißig bin ich vermutlich über den Berg, was frühe Glatzenbildung angeht.
Meine Nichtfrisur wird also bald zwanzig und hatte nur die ersten Jahre eine semiotische Bedeutung. Irgendwann war sie einfach da, ich war der Typ mit den langen Haaren. Wir hatten uns arrangiert. Manchmal bekam ich ganz wundervolle Zöpfe geflochten, ganz selten mal ging ich zur Friseurin um zu sagen “nur die Spitzen”, manchmal war ich genervt über das lange Waschritual, aber ich konnte mir nichts anderes vorstellen und das Problem ist: ich kann es noch immer nicht.
Da ist ein Wunsch nach Veränderung. Nicht, weil ich angepasster sein will oder mich besser in die Arbeitswelt integrieren möchte, nicht wegen der Frauen oder des Images. Sondern weil ich das Gefühl habe, die 80 Zentimeter langen Hornfäden gehören zu einer Persönlichkeit, die ich eigentlich seit Jahren nicht mehr bin. Und da beginnt das Drama, denn ich weiß beim besten Willen nicht, was zu tun ist. Julian mit Frisur, das ist keinerlei Vorstellung, die ich habe. Ich bin nicht einmal in der Lage zu sagen, was denn eigentlich aus meinem Haar werden soll. Will ich sie kurz? Halblang? Erstmal bis zur Schulter? Will ich Stufen, Kanten, Scheitel? Und wer berät mich dabei? Ich habe eine mir bekannte Friseurin gefragt, die sagte “Du musst Vertrauen haben”. Aber wie, wenn mir dieses Handwerk so fremd ist? Es fühlt sich für mich an, als ginge ich zum Tätowierer, nur da kann ich vorher Skizzen sehen. Sind meine Haare ab, ist das für immer, denn noch einmal werden sie nicht so lang. Bin ich zu ängstlich? Bestimmt. Und vermutlich messe ich all dem zu viel Bedeutung bei. Aber dass am anderen Ende ein optisch völlig neu erfundes Ich herauskommen wird, ist so spannend wie beunruhigend. Und so werde ich die Entscheidung vermutlich noch eine ganze Weile hinauszögern, mit vielen Menschen reden, und darauf hoffen, dass ich mir eines Tages ein Herz fasse, und einen Friseurinnenladen betrete. In der Hoffnung, dass der Mensch den ich beauftrage sich bewusst ist, was sie da tut. Es ist wie mit einer neuen Zahnärztin. Bitte lass mich die richtige finden.

Das Krebsrisiko und die Gene

Ich habe es getan: Vor einigen Monaten habe ich mir für insgesamt 137 Euro (180 USD) von 23andme ein Set kommen lassen, in ein Röhrchen gespuckt und meine Gene analysieren lassen. Genauer gesagt wurden über 1 Million SNP-Marker getestest und analysiert. Nun weiss ich, dass meine Haare glatt sind, dass ich Laktose-Tolerant bin, nicht gegen HIV immun und manches mehr. Ausserdem kenne ich gewisse gesundheitliche Risiken. Ich kann das alles so offen erzählen, weil meine Gene nahezu völlig in Ordnung sind und mir ist natürlich bewusst, dass ich bei einer massiv erhöhten Chance auf Parkinson oder Alzheimer vielleicht anders damit umgehen würde. Geringeres Lungenkrebsrisiko als der Schnitt, ebenso Parkinson, die Chance auf Prostatakrebs quasi auf Durchschnittsniveau. Auch Herzkranzgefäßerkrankungen sind bei mir niedriger, nur die Chance auf Fettleibigkeit ist leicht erhöht (janun, ich bin etwas über normalgewichtig) und Diabetes, aber das weiss ich auch schon von der Familie her. All das bedeutet natürlich nicht, dass ich für immer frei von schlimmen Krankheiten sein werde. Nur die bisherigen bekannten genetischen Bedingungen sind erstmal keine Faktoren.
Ausserdem weiss ich, und das der Grund, weshalb ich das ausgerechnet heute schreibe, dass ich keine BRCA-Mutation in mir habe. Das ist die Hauptursache für vererbten Brustkrebs.

Heute, das ist der Tag an dem Angelina Jolie von ihrer doppelten Mastektomie erzählte, weil bei ihr eben diese BRCA-Mutationen vorhanden sind. Sie schreibt darin auch, dass ein Test über 3000 Dollar kostet. Das ist auch richtig. Ein genauer Test lässt sich nur von der Firma Myriad machen, die ein Patent auf das Testen dieser Gene angemeldet hat, das derzeit vor dem Obersten Gerichtshof der USA angefochten wird. BRCA 1 und 2 lassen sich auch mit anderen Methoden wie bei 23andme testen, allerdings lediglich 3 der Mutationen – es gibt einige mehr, die seltener vorkommen aber ebenfalls Brustkrebs hervorrufen können.
Das heisst allerdings immerhin: Wer sich mit 23andme testen lässt und ein positives BRCA-Ergebnis bekommt, ist vorgewarnt, auch wenn es sich andersrum nicht sagen lässt. Ich könnte durchaus noch eine seltene Mutation in mir tragen und damit auch möglicherweise an eine bisher nicht existente Tochter weitergeben. Soviel dazu.

Will man das alles wissen? Ich sage ja. Denn Wissen heisst: Man kann vorbeugen. Ob es die doppelte Mastektomie ist, um Brustkrebs zu verhindern oder eben die regelmäßige Darmkrebsvorsorge, der Diabetes-Test oder möglicherweise auch der Gang zum Augenarzt, wenn die Chance auf Makuladegenaration erhöht ist. Denn nichts ist schlimmer als kalt erwischt werden. Und wenn ich unausweichlich an einer nicht-heilbaren Krankheit leide? Nun, mir wäre es persönlich lieber, ich könnte mich zehn Jahre früher aufs Blindwerden vorbereiten, möglicherweise eine Blindenschule besuchen, als plötzlich dazustehen und machtlos zu sein.
Und viele viele Krankheiten lassen sich eben vorbeugen, rechtzeitig erkennen, behandeln bevor es zu spät ist. Bastian Greshake hat hierzu vor einiger Zeit auch etwas gebloggt, als er herausfand, dass seine Chance auf Prostatakrebs erhöht war und das auch auf seinen Vater zurückführen konnte, bei dem anschließend ein Tumor im frühesten Stadium gefunden wurde. Dazu kann man hierhier viele interessante Sachen nachlesen.

Kleiner Bonus: Ich habe über 23andme nun mögliche Verwandte dritten bis fünften Grades gefunden, auch dafür gibt es eine Funktion. Eine Person, die leider bisher nicht antwortet, hat den gleichen Nachnamen wie ich angegeben, also entweder direkt oder bei einem ihrer Vorfahren. Auch das ist alles hochspannend. Ich möchte es jedem empfehlen.

Die Re:Publica 2013 in Worten

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