Musik 2012

Kürzlich habe ich die Behauptung aufgestellt, 2012 sei ein gutes Jahr für die Musik gewesen. Habe gar “30-40 herausragende Alben” identifiziert. Nun hatte ich eignetlich damit gerechnet, dies einfach so im Raum stehen lassen zu können und dabei nicht daran gedacht, dass es wohl einige Menschen geben könnte, die entweder zweifeln oder eine Liste einfordern würden.
Ich tu mich irrsinnig schwer, eine Numerierung zu machen. Es gibt kein “Album des Jahres” und keinen Platz 2 und einen Platz 17 schon gar nicht, weil was soll das denn sein, bitte? Oder ein Platz 30? “Also das ist die schlechteste von allen wirklich guten Platten dieses Jahr”? Unsinn. Alphabet übrigens auch. Ich schreibe das jetzt wie es mir in den Sinn kommt. Und wenn mir ein Kommentar dazu einfällt dann kommt der auch dazu. Struktur könnt ihr euch woanders suchen. Ausserdem sind alle Alben hervorragend, selbst wenn die Beschreibung das mal nicht hergeben sollte. Danke übrigens auch an Deniz, der mir beim Kompilieren dann doch geholfen und auf’s Jahresende nochmal 2-3 vergessene oder verpasste Alben aus dem Hut gezaubert hat.
Finden kann man diese ganzen Alben übrigens meistens bei Amazon. Oder Spotify. Oder iTunes. Amazon hab ich mal verlinkt.

Der Großartige @map hat mal eben die meisten Alben in Spotify geschmissen. Hier kann man sich das anhören und die Liste ist auch Collaborative, falls Andy Stott, Flying Lotus und Toro y moi auftauchen.
Tausend Dank!

Julia Holter – Ekstasis
Hab ich durch die Top50 im Magazin “The Wire” entdeckt wie so einiges anderes hier. Pop oder so. “Marienbad” kann ich ca. 500 Mal am Stück hören, vor allem wegen dieses einen tollen Breaks. Aber auch sonst wunderschönes Album. Träumt so vor sich hin ohne dabei allzu gefällig zu sein.

Laurel Halo – Quarantine
Weiche, runde Bässe, flirrende Obertöne, digitale wie analoge soundfragmente, hört sich zum einschlafen, aufwachen, Arbeit und Sex gleichermaßen toll an. Ausserdem eines dieser Stücke Musik das ohne guten Sound nicht mal ein drittel so faszinierend klingt. Große Liebe und ein riesiges Bereuen ob eines verpassten Konzertes.

Animal Collective – Centipede Hz
Wenn Animal Collective ein Album machen, das “jetzt nicht so großartig ist, wie das letzte”, kann das zweierlei heißen. Entweder, die Musik ist immer noch ziemlich großartig, weil die Band einfach ansich schon aus purer Musik besteht und gar nicht so viel falsch machen kann, oder aber es wächst noch. Ich bin mir bei Centipede Hz immer noch nicht ganz sicher was es ist. Aber wie gesagt: andere Liga und so.

Gatekeeper – Exo
So ravig und tanzbar wie noch erträglich und dennoch komplex, futuristisch, faszinierend. Ausserdem ein wenig hektisch. Ich mag hektisch.

Swans – The Seer
LUNACY! LUNACY! Wand aus Sound, durchdringend, eindringlich und andere Wörter mit “dring”. Konzert war aber viel zu laut, leider.

Mouse on Mars – Parastrophics
Knarzknurpselknarzknarzwumms. Mache ich mich jetzt lustig? Ich liebe Mouse on Mars. Ändert sich auch nicht mit dem aktuellen Album. Schon gar nicht mit dem vorzüglichen Konzert. “Nicht so viel Weiterentwicklung im Sound”? Mag sein. Aber immer noch genug. Ausserdem dieses “Andere Liga”-Ding.

Überhaupt gilt das ja bei vielen Sachen: Wer ausreichend eigenständig klingt, hat bei mir oft schon ein Stein im Brett. Zum Beispiel Autre Ne Veut. “Counting” ist kein Album sondern eine Single. Ja mei. Der Rest kommt 2013 und ich weiss schon, dass er dann nächstes Jahr hier steht.

Actress – R.I.P.
Düsterdüsterdüster. Plickerplockerbassbass. So ein bisschen Burial aber viel weniger Tanzbar und so. Wenn einem die abgefuckten Ecken einer Stadt nicht mehr kaputt genug sind. musikgewordenes Graffiti in der Kanalisation quasi.

Futurecop – The Movie
Wenn Daft Punk einen Soundtrack für Transformers macht, dann klingt das so. Ohne Michael Bay allerdings. Dafür mit japanischen Neonröhren.

Ariel Pink’s Haunted Graffiti – Mature Themes
Ich glaube, Ariel Pink träumt Nachts von sehr queeren Orgien mit Frank Zappa und einer unbestimmten Menge Menschen jedweder Gender-Identifikation. “She-Males hooked up on Meth”. Manchmal träumt er davon sicher auch tagsüber. Auch verpasst, das Konzert. Weil ich in Berlin war, um unter anderem Animal Collective zu sehen. Habe mich dann aber am Abend zuvor dort so betrunken, dass ich zu verkatert für Animal Collective war. Die Woche drauf war Ariel Pink dann in Berlin und ich wieder in Hamburg. Sponsort mir jemand eine Bahncard 100?

Achja, die “After Light”-Single von Rustie fand ich auch ziemlich super. Gab’s aber auch schon auf dem letztjährigen Album “Glass Swords”, da aber ohne Gesang von Aluna George. Das wiederum wäre letztes Jahr in diesem Artikel gewesen, hätte ich einen gemacht.

Hauschka & Hilary Hahn – Silfra
War ja ein Tipp von @wolfseule. Und die sind immer gut. Einmal empfahl sie mir eine Band namens Tötkolben. Des Namens wegen. Hauschka und Hilary Hahn machen Cello, Violine und so. Ja mei, wie beschreib ich das? Es gefällt. Besonders wenn Schnee liegt. Passt aber auch ganz gut zu Weißwein.

James Ferraro – Sushi
James Ferraro war ja so großartig, einerseits das Album des Jahres 2011 zu produzieren, es andererseits aber auch mit solch Dingern wie Skype-Loginsounds fast unanhörbar zu machen. Sushi nervt nicht so, fasziniert umso mehr. Der Wire hat lange über die Ironie dieser Musik und moderne Gesellschaft geschrieben. Ich kann diesen Drang verstehen. Funktioniert aber auch ohne Foucault. Überhaupt: Musik muss immer für sich stehen können. Wenn sie politischen Kontext braucht oder Philosophenzitate, dann darf sie meinetwegen auch verschwinden. Wenn sie dadurch besser wird: herzlich Willkommen. Beim letztjährigen Album (“Far Side Virtual”) hatte James Ferraro Songs wie “Fro Yo and Cellular Bits” und “Starbucks,Dr. Seussism, And While your Mac Is Sleeping”. Diesmal ist es eher “Jet Skis & Sushi”, Condom” und “Booty Call”.

Xiu Xiu – Always
Eines der wirklich guten Konzerte dieses Jahr. Ausserdem so Musik, die mit Bier genauso gut geht wie mit Rotwein, wenn man die Musik ansich denn mag.

Matthew Dear – Beams
Wenn Ariel Pink von Zappa träumt, dann träumt Matthew Dear von David Bowie. Allerdings ohne die Queeren Orgien, die ja Bowie schon im Original ein bisschen in seiner Musik hat. Beste Erinnerung: Nachts um 3 nach tollen Gesprächen noch ein wenig alleine an der Außenalster sitzen, Sternschnuppen gucken und “Do the Right Thing” hören. War so einer der ersten “Ich wohne jetzt hier”-Momente. Hallo Hamburg!

Why? – Mumps Etc.
Ich glaube das Album ist hier nur drauf, weil das Konzert so superb war. Eigentlich ist es nämlich mit Why? so, dass alles schon vor ein paar Jahren gesagt war. Immer noch herausragende Musik, aber nun.. Ich verspreche, es werden dann doch 31 Alben, weil dieses hier nicht so ganz zählt.

Death Grips – No love deep web
Aktion des Jahres. Oder Jahrzehnts. Epic wollte das neue Album erst 2013 veröffentlichen, also haben die Death Grips es eben selbst auf Soundcloud und nach Bittorrent gepackt. Gibts übrigens immer noch nich zu kaufen. Musik ist aber auch toll und ich wehre mich gegen “Overhyped”. Krawalligen HipHop kann es nicht genug geben.

Sun Araw – Frkwys Vol. 9 Sun Araw & M. Geddes Gengras Meets The Congos
Sun Araw macht Geräuschmusik. The Congos machen Reggae. Zusammen klingt das bekiffter als Lee Perry und dennoch interessant genug, damit man mit dem “Get together and Praise Rastafari” singsang klar kommt, wenn man ansonsten Aversionen hat. I like. Wem das übrigens zu oldschooldubbig ist, der kann ja gerne “The Inner Treaty” hören. Auch ein gutes Album von Sun Araw, auch von diesem Jahr.

d’Eon – LP
d’Eon sind musikgewordene Buntglasfenster. Manchmal auch mit Splittern. Lustigerweise ist auf “Music for Keyboards Vol. III” (auch von d’Eon) ein solches auch drauf, ich hatte die Assoziation aber schon vorher. Schwör!

Raime – Quarter Turns over A Living Line
Musik für nach der Zombie-Apokalypse. Wenn immer noch irgendwo einer lauert.

Wild Nothing – Nocturne
Und schon wieder ein Konzert verpasst. Wild Nothing sind ja sogar im Spiegel gefeatured worden. Gut, das sind Swans auch. Ist also keine Ausrede. Ich mag trotzdem nicht so viel dazu schreiben. Ich mag sie. Mir doch egal wieviel Hype.

Passion Pit – Gossamer
Hier gilt das gleiche. Hyped doch was ihr wollt. Ich tanze derweil.

Cat Power – Sun
Warum fand ich Cat Power eigentlich früher nie so gut? Lag bestimmt an meiner Ignoranz. Andererseits kann ich ja auch nicht überall die volle Kenntnis besitzen. Sun ist jedenfalls ein gutes Album. Sehr gut sogar.

Goat – World Music
Wie sehr ich mich überwinden musste, ein Album namens World Music zu hören? Nun, sehr eben. Aber ich habe es getan und es gefiel. Ebenfalls sehr. Moderner Rock und so. Vielleicht auch irgendwas anderes. Schubladen, ey.

Andy Stott – Luxury Problems
Spätentdeckung. Eigentlich erst wegen der Top50 von “othermusic.net”. Dann auch festgestellt, dass der Wire die in seinen Top50 hat. Überhaupt gibt’s da viel Überschneidung. Auch zu meinen Toplisten. Andy Stott liegt zunächst ein wenig Spitz an, entfaltet dann aber eine wuchtige Komplexität und behält seine Spannung auch im Abgang bei, bleibt aber auch süffig genug für den Gelegenheitskonsum.

Toro y Moi – Anything in Return
Hier Rock, da Beats, nun ein bisschen Gesang, manchmal auch im Chor. Sieh an, eine Hihat. Alles etwas getragen, so vom Tempo her. Moderner Pop mit ausreichend Komplexität, um nicht zu langweilen. Ebenfalls eine Spätentdeckung, das Album ist erst für 2013 angekündigt. Aber nun. Internet und so, und die Single “So Many Details” kann man sich ja auch schon kaufen. Wird bei mir ebenfalls noch reifen, aber ist jetzt schon ausreichend gut um es zu den Highlights zu zählen.

Lone – Galaxy Garden
Manchmal passen Albentitel ja. Bei Galaxy Garden denke ich an eine grüne Wiese mit Blumen in absurden Formen und Farben unter einer Glaskuppel irgendwo im Weltall. Und schwerelos herumhüpfende Menschen. Vielleicht auch ein wenig Super Mario. So ähnlich dann auch die Musik. Toll.

Flying Lotus – Until the Quiet Comes
“Hör unbedingt Flying Lotus!” die von mir ganz unglaublich geschätzte @maronivie musste mich wochenlang bearbeiten. Und wie so oft musste ich anschließend kleinlaut eingestehen. Ja. Gehört zu den Alben des Jahres. Hat ausserdem was von Hudson Mohawke. Steinigt mich für eine solche Aussage. Es ist auf jeden Fall sehr typisch Warp Music (Und zwar heutiges Warp, nicht 1990er-2000er Aphex Twin / Autechre / Plaid / Boards of Canada Warp)

Kendrick Lamar – Good Kid M.A.A.D City
Bestes HipHop-Album des Jahres. Alles daran ist gut. Flow, Rhyme, Beats, Lyrics, alles. Ernsthaft. Kann man mit Hornbrille genauso hören wie mit Goldkette.

Mal noch ein zwischendrin-Einwurf: Burial macht ja gelegentlich Singles (Street Halo / Kindred und Truant / Rough Sleeper). Manchmal mit Four Tet (Nova). Auch dieses Jahr. Alles Großartigst.

AU – Both Lights
Instrumental-Avantgarde-Rock/Pop-Klimperdings. Waren die Vorband von Xiu Xiu und die erste Vorband seit langem, die mich ganz schön umgehauen hat.

Mir reicht’s nun mit beschreiben und wir sind bei 29 Stück minus eines weil Why? ja nicht richtig zählt. Sucht euch für die 30 noch eine der folgenden aus:

John Talabot – Fin
Friendly Fires – Pala
Mac Demarco – Rock n Roll Nightclub
Matthew E. White – Big Inner
Com Truise – In Decay
Kindness – World you need a change of mind
Jakob Ullmann – Fremde Zeit / Addendum
Deep Time – Deep Time
Fatima Al Qadiri – Desert Strike
Teen – In Limbo

Marsgedanken

Nun gab es ja letztens diesen verrückten reichen Menschen der sagte “Hey, wahnsinnig gute Idee: Wir brauchen nur so und so viel milliarden Euro und dann können wir eine Marskolonie mit 80.000 Leuten machen, weil das sichert uns den Fortbestand der Menschheit”. Gut, einleuchtend. Aber: Warum eigentlich? Ich mein hey, das hat mehr Penisersatz als eine ganze Flotte an Porsches, so das auf dem Mars wohnen. Aber so wie ich mir das vorstelle, braucht man zum Auf-Dem-Mars-Leben große Glaskuppeln und allerlei technisches Gerät und vielleicht auch spezielle Anzüge. Und wenn man die hat, dann kann man die halt auch genauso woanders hinbauen. Sahara, Antarktis, wo auch immer man eigentlich will, weil seien wir ehrlich, widriger als auf dem Mars isses nun auch nicht.
Also? Cui Bono, das mit dem Zweite-Heimat-Anderer-Planet-Gedöns? Für das gleiche Geld kriegt man hier keine 80.000 sondern sicher das vielfache unter eine Glaskuppel. Oder was da so nötig ist. Und wenn. Alles andere ist doch a) Mackerei, b) Blödsinnige Romantik, c) “Fickt euch mit eurer Armut und euren Problemen, wir haben die Kohle für was neues”.
Ach, oder d) einfach nur Spinnertum.