Das Internet ist irrelevant

Groß war das Geschrei, die Trauer, die Wut über das Internetsperrgesetz letzte Woche. Völlig unverständlich, wie eine Klasse von Politikern sich derart ignorant gegenüber 140.000 Petentinnen und wahrlich guten Argumenten verhalten konnte. Die im Netz heimische Generation, oder eigentlich ist es eine ethnische Gruppe, fühlte sich verraten, mißverstanden, ignoriert. Was folgte, waren ein prominenter Parteiaustritt (Tauss) und viele weitere von weniger öffentlichem Interesse. Bei der SPD und sogar bei den Grünen, weil 15 Abgeordnete sich bei der Abstimmung enthalten hatten. Dem ganzen die Krone aufgesetzt haben dann Kommentare, die allesamt dem des Müntefering-Twitter-Accounts recht nahe kommen:

Doch warum ist das alles so? Kapiert da eine Generation die andere nicht? Ist das alles eiskaltes Kalkül, um Deutschland in eine Diktatur zu verwandeln? Man weiß es nicht. Womöglich befinden wir uns in einem ungeheuerlichen Generationenkonflikt (oder besser: ethnischen Konflikt), womöglich ist das auch alles anders. Eines kann man aber dennoch sagen: Der Hintergrund des ganzen Debakels ist, dass das Internet nicht wichtig genug ist.
Als Jörg Tauss im letzten Jahr ausgebootet wurde, war das unter anderem, weil es für die SPD wichtigere Themen gab. Man wollte den Bürgerrechten und allem was damit zusammen hängt, nicht zu viel Gewicht einräumen. Das macht auch Sinn, denn wenn man sich eine beliebige Umfrage ansieht, findet man fast überall das gleiche Ergebnis. Zum Beispiel TNS Infratest 2009:
Auf welche der folgenden Themen sollte sich der Wahlkampf für die nächsten Europawahlen konzentrieren?” – Arbeitslosigkeit (57%), Wirtschaftswachstum(53%), Inflation(48%), Energieversorgung(45%), Klimawandel(43%), Rente(35%), und so weiter. Internet, Freiheitsrechte, Demokratie oder auch Urheberrecht kommen nicht vor.
Die großen Parteien führen ihre Kämpfe also auf ganz anderen Schlachtfeldern, denn dort sind die tatsächlichen Wählermassen zu gewinnen. 140.000 sind 0,175% der Bevölkerung und ein größerer Teil davon käme ohnehin nicht auf die Idee, SPD oder CDU zu wählen. Einem Wähler, dem zunächst sein Job und seine Rente am Herzen liegen, wird sich hingegen von der einfachen Floskel, die SPD sei Internetfit sehr wohl einfangen lassen. Dort, wo man sich nicht auskennt, ist man am ehesten anfällig für Populismus. Das war schon immer so und wird sich auch erst ändern, wenn der Stellenwert des Netzes in der breiten Bevölkerung einen höheren einnimmt, als er es jetzt tut. Falls es bis dahin nicht zu spät ist…